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Mit dem Geld der Masse

Viele Projekte lassen sich mit Crowdfunding finanzieren. Allerdings braucht es dafür auch eine Strategie.
Viele Projekte lassen sich mit Crowdfunding finanzieren. Allerdings braucht es dafür auch eine Strategie. FOTO: Monique Wüstenhagen/dpa
Leipzig. Wer Ideen hat, aber kein Geld für die Umsetzung, kann zur Bank gehen. Manchmal reichen aber ein paar zahlungswillige Privatleute, um Projekte zu finanzieren. Der Erfolg beim Crowdfunding hängt allerdings von der Vorbereitung ab. Julia Ruhnau

"Uns war relativ klar, dass wir nicht zur Bank gehen brauchen", erzählt Christian Bollert. Er ist Geschäftsführer bei Detektor.fm, einem Radiosender in Leipzig. "Wir wollten eine moderierte Vormittagssendung machen", erklärt er. Und dafür brauchte es Geld, das der Sender nicht hatte. "Wir haben uns gedacht: Lass uns doch die Hörer fragen, ob die das gut finden - und bereit sind, dafür etwas zu zahlen."

Die Hörer fanden es gut. Und finanzierten die neue Vormittagssendung Detektor.fm per Crowdfunding. Bei dieser Art des Geldsammelns gibt die Crowd, also eine Gruppe von Menschen, Geld für ein Projekt. Vorgestellt wird diese meist auf Plattformen im Internet, zum Beispiel Seedmatch, Startnext oder Indiegogo. Detektor.fm sammelte über Visionbakery.de, wo das Crowdfunding nun oft als erfolgreiches Best-Practice-Beispiel genannt wird.

So haben sich bereits einige Produkte und Projekte finanziert, vom Kinofilm Stromberg bis zur Smartwatch Pebble. Das Konzept funktioniert so: Unterstützer geben einen bestimmten Betrag und fördern damit die Umsetzung. Am Ende erhalten sie ein neues Produkt, zum Beispiel die neue Radiosendung oder eine Kinokarte für den entstandenen Film. Gibt es ein kleines Dankeschön, nennt sich das Ganze reward-based, bei Spenden ohne Gegenleistung donation-based und bei Investitionen mit Zinsertrag Crowdinvesting.

"Es wird oft falsch kommuniziert, dass es eine einfache Sache wäre, schnell Geld einzusammeln", dämpft Oliver Gajda vom European Crowdfunding Network die Erwartungen. Viele Projekte schafften die gesetzten Ziele nicht oder scheitern bei der Umsetzung.

"Man muss das eigene Netzwerk aktivieren", erklärt Bollert. Erst, wenn eine bestimmte Spendenmasse erreicht ist, sind auch mehr Leute bereit, ihr Geld herzugeben. "Der Engagement-Punkt liegt bei etwa 70 Prozent der Investmentsumme", sagt Michael Gebert, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Crowdsourcing Verbandes.

"Erfolgreiche Kampagnen sammeln zwei Fünftel in der ersten Woche ein", erläutert Linette Heimrich von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, wo sie seit drei Jahren als Crowdfunding-Beraterin arbeitet. "Früher hatten wir zwei bis drei Beratungen pro Monat, jetzt bereits pro Woche."

Neben der reinen Spende mit oder ohne Dankeschön gibt es auch das Crowdinvesting, wo die Geldgeber Zinsen bekommen. Sie verleihen dann eine Art Kredit für ein bestimmtes Projekt, und zwar in Form eines Nachrangdarlehens. Im Fall einer erfolgreichen Umsetzung des Projekts erhält man so sein Geld plus Zinsen zurück. "Der Geldgeber hat aber keine Anteile am Unternehmen und kein Mitspracherecht", erklärt Gajda. Und: "Bei einer Pleite kriegt man als Letzter sein Geld zurück."

Geld ist aber nicht das Einzige, wovon man beim Crowdfunding profitieren kann. "Der kleinste Teil ist das Funding, der größte Teil die Community", erklärt Gebert und meint damit zwei Dinge. Einerseits ist die Vorstellung des Projekts auf einer Crowdfunding-Plattform ein guter Markttest. Andererseits erhält man von der Spendengemeinschaft manchmal wertvolle Hinweise für die Entwicklung.

Wer erfolgreich sammeln will, muss einige Dinge beachten. "Man muss erzählen, was die Leute davon haben, wenn es klappt", sagt Radiochef Bollert. Dazu gehört auch, Verzögerungen zu kommunizieren oder Teilziele zu erklären. "Authentisch und transparent" müsse die Kampagne sein, rät Gebert.

"Die ideale Dauer für eine Kampagne liegt bei 40 Tagen", hat Crowdfunding-Beraterin Heimrich beobachtet. In der Mitte der Spendenphase müsse man einen Plan haben, wie man das Projekt im Gespräch hält. Auch die Dankeschön-Artikel sollten mit Bedacht gewählt sein, "mehr als zehn sollten es nicht sein", empfiehlt Heimrich. Am liebsten hätten die Leute etwas mit Bezug zum späteren Produkt. Bei Detektor.fm waren das zum Beispiel Musikwünsche in der späteren Sendung.

Christian Bollert ist Geschäftsführer bei dem Leipziger Radiosender Detektor.fm.
Christian Bollert ist Geschäftsführer bei dem Leipziger Radiosender Detektor.fm. FOTO: Detector.fm/dpa