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| 12:37 Uhr

Heimwerker: Der alte, neue Trend zum Selbermachen

junge Heimwerkerin mit Bohrmaschine
junge Heimwerkerin mit Bohrmaschine FOTO: Franz Pfluegl (2789018)
Do it yourself ist ein Trend der Väter- oder Großväter-Generation? Weit gefehlt: Es ist eine Modewelle der Gegenwart, der Zukunftsforscher vorhersagen, dass sie noch breiter und stärker wird. Heimwerker zu sein liegt genauso im Trend wie das Surfen in sozialen Netzwerken. Ja, beides gehört sogar zusammen: Der Heimwerker kompensiert mit seinem Hobby die beruflichen und privaten Stunden vor dem Computer-Bildschirm. Do it yourself ist der reale, haptische Ausgleich zum virtuellen Leben in der Online-Welt.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett, bekannt durch lesenswerte Bücher mit klugen Gedanken zur Arbeitswelt, spricht vom "Gefühl der Kompetenz", das den Heimwerker antreibt. Ein anderes Motiv sieht er in der "Freude daran, etwas gut zu machen". Die Lust an Handwerk und Basteln nach Feierabend liegt so im Trend, dass es ein neudeutsches Wort dafür gibt: Crafting . Es geht zurück auf den englischen Ausdruck für basteln oder (an)fertigen. Es gibt sogar Crafting-Gesellschaftsspiele, bei denen die Teilnehmer aus elementaren Kleinteilen einfache Gegenstände zusammensetzen.

Statussymbol und Konsumkritik

Im Trend zum Heimwerker steckt allerdings viel mehr. Für den Einzelnen ist es Ausdruck von Konsumkritik: Nicht einfach billig von der Stange kaufen, was unter sozialen und ökologisch bedenklichen Umständen irgendwo auf der Welt produziert wurde. Was zudem noch einen großen CO2-Fußabdruck hinterlässt, weil es den Transport zum Endverbraucher um die halbe Welt hinter sich hat. Genau das will der Heimwerker nicht: Er produziert selbst und grenzt sich damit von der globalen Gleichmacherei des Konsums ab. Vor allem aber: Er stellt in seiner Freizeit ganzheitlich etwas her und stiftet damit einen Sinn für sich selbst. Das unterscheidet den Heimwerker von seiner Rolle in der stark arbeitsteiligen Berufswelt: Dort ist der Sinn eines Arbeitsschrittes, den der Einzelne verantwortet, immer häufiger nur noch schwer erkennbar. Die Zahl der Menschen, die in ihrer Freizeit kreativ sind, wuchs zwischen 2012 und 2014 von 21,1 auf 22,6 Millionen deutschlandweit. Auf diesen Trend ist die Wirtschaft schon längst aufgesprungen: 33 Milliarden Euro haben 2014 die 30 größten Händler für Industrie- und Handwerksbedarf umgesetzt. Dazu gehört zum Beispiel www.tooler.de . Das Angebot reicht von Arbeitskleidung und -handschuhen bis zum Schutzhelm. Beim Handwerkszeug gibt es den Werkzeugkoffer, reichlich bestückt mit allem, was der Heimwerker benötigt, aber auch Sägen, Fräsen und Schleifmaschinen. Die Bandbreite geht weiter mit Betriebseinrichtungen wie Leitern bis zu Befestigungstechnik und Baubeschlägen.


Handwerk und Netzwerk

Der aktuelle Do it yourself-Trend ist anders als der von Eltern und Großeltern. Er wirkt nach innen, auf den einzelnen Menschen und seine Familie. "Cocooning" nennen die Soziologen dieses Phänomen vom englischen sich verpuppen oder einspinnen. Gemeint ist der Rückzug ins Private als Reaktion auf die immer unübersichtliche werdende Welt. Doch die Heimwerker organisieren sich auch über das Internet, tauschen dort ihre Leidenschaften, Tipps und Erfahrungen aus. Es gibt virtuelle Marktplätze für Selbstgemachtes, Stricknetzwerke, Anleitungen, Hilfe und Tutorials im Internet. Letzteres sind kleine Lehrfilme zur Veranschaulichung von Handwerksarbeit. So ist auch das Heimwerken schon wieder globalisiert und Verwertungsinteressen unterworfen. Es wiederholt sich jüngere Geschichte: Die Rockmusik, geboren aus dem Protest gegen Krieg und Kapitalismus, wuchs zum milliardenschweren Weltmarkt - und ist es bis heute.