Der Pedalritt von Ortrand nach London ist für Frank Höfer eine sportliche Herausforderung gewesen. Der Böhlaer hat sich ihr gestellt, um die eigene Leistungsgrenze auszutesten. "Ein riesiger Motivationsschub ist es, für einen guten Zweck zu fahren", sagt der Extremsportler. Die Stadt Ort rand hat die erste Zielprämie ausgesetzt, weitere folgten. Und die Spendenfahrt hat mit Sarah ein Gesicht bekommen.

Ihr Schicksal treibt dem starken Mann die Tränen in die Augen. Im Alter von fünf Jahren war Sarah Döring aus Ortrand nach einer bösartigen Krebserkrankung ein Bein amputiert worden. "Wie viel Stärke müssen Eltern aufbringen, um ihrem Kleinkind das zu vermitteln", sagt Frank Höfer, der selbst Vater einer sechsjährigen Tochter ist. Das tröstende Versprechen für Sarah war damals, dass sie ein neues Bein bekäme. "Ich weiß nicht, wie lange sie darauf gewartet hat", erzählt Frank Höfer. "Heutzutage wandern Leute mit High-Tec-Prothesen auf den Mount Everest. Sarahs Prothese ist so einfach, dass es wehtut", sagt er.

Schmerzen gehören zu Sarahs Alltag. Denn ihre Knochen wachsen schneller als die Stumpfhaut. Die einfache Prothese, die sie trägt, anzupassen, kostet Geld, um das die Familie immer wieder hart ringen muss. Sarahs amputiertes Bein ist oft blutig aufgerieben. Frank Höfer will das Versprechen von damals unbedingt einlösen und helfen, das Geld für eine ästhetisch und funktionell gute Bein-Prothese sammeln. Denn die Eltern des Mädchens können den Betrag von 25 000 Euro mit ihrer Hände Arbeit nicht aufbringen. "Mit der Tour kam alles wieder hoch", bestätigt Sandra Döring. "Sarah ist furchtbar aufgeregt und dankbar, wie wir."

"Die Leute hier sind einfach toll", erzählt Frank Höfer mit dem Blick auf die Bilder vom Start-Abend. Eine Frauengruppe, die extra das Handballtraining abgesagt hatte, hatte ihn mit guten Wünschen schon zwischen Böhla und Ortrand auf den Weg nach London geschickt. Nach dem bewegenden Abschied am Ortrander Kreisel hatte Erhard Jahn aus Lauchhammer den Böhlaer auf den ersten Kilometern bis zur Bundesstraße 169 begleitet. "Der Mann hat darauf bestanden, dass ich Schönwetterfahrer brav in seinem Windschatten fuhr", berichtet Frank Höfer. Die ersten 33 Kilometer seien die einzige Strecke mit starkem Gegenwind gewesen. "Bei dem Mann, der über 60 Jahre alt sein soll und richtig gut drauf ist, muss ich mich noch bedanken", sagt der Sportler, der auf einsame Fahrt per Rad ging.

Ehefrau Peggy und Tochter Lisa saßen im Begleitfahrzeug. "Karten lesen, das Navigationsgerät beobachten, Getränke und Essen bereithalten bei Tempo 30 - keine Ahnung, wie die beiden das geschafft haben", erzählt der stolze Familienvater. Nach 7,5 Stunden hatte er 225 Kilometer der Wahnsinnsstrecke von Ortrand über Hannover und Endhoven und weiter mit dem Eurostar durch den Ärmelkanal bis nach London geschafft. Allein mit Fuchs und Reh, den Lichtkegeln der Autobeleuchtung als Wegweiser und den ersten Druckstellen am Gesäß - dies ist eine Situation, in der der Gedanke an Sarah den Extremsportler neue Kraft schöpfen ließ.

In der Hitzeschlacht des folgenden Tages auf heißem Pflaster habe er eine Idee ausgebrütet. Bürgermeister Ingo Senftleben hatte dem Radler ein Tuch mit dem Ortrander Stadtwappen mit auf den Weg gegeben. Dieses sollte Höfer dem ersten Menschen übergeben, dem er am Ziel, auf der Tower Bridge in London, begegnen würde. "Der erste Bürger Londons ist der Bürgermeister", sagt der Sportler. "Das Stadtwappen konnte ich doch nicht dem Erstbesten in die Hand drücken." Höfer ist also in die deutsche Botschaft gefahren, hat mithilfe eines Sicherheitsangestellten das streng bewachte Gebäude betreten können und einem Botschaftsmitarbeiter das Wappen mit der Bitte um Weiterleitung an das Londoner Stadtoberhaupt übergeben. "Der gut sichtbare Abdruck des Fahrradhelmes auf meiner Stirn war meine Eintrittskarte. Nur deshalb war meine Geschichte glaubhaft", erzählt der Böhlaer.

Über die Extremtour, auch mit Pleiten, Pech und Pannen, muss Höfer dieser Tage vielerorts berichten. Das tut er gern. Denn die Menschen, die von Sarahs Schicksal hören, greifen in die Geldbörse, um zu helfen. 4192 Euro hat die Spendentour nach London gebracht. "Damit ist erst ein Viertel des Weges zu einer neuen Prothese geschafft", erklärt Frank Höfer. Seine ursprünglich deutlich bescheidenere Idee, dem Mädchen mit der Zielprämie einen unbeschwerten Ferienaufenthalt im Baumhotel der Kulturinsel Einsiedel im sächsischen Zentendorf zu finanzieren, kann er außerdem verwirklichen. "Geschäftsführer Jürgen Bergmann spendiert die Übernachtung im Baumhotel", sagt er. Die vielen Mitmenschen mit Herz, die Sarah helfen, das Konto für die Prothese zu füllen, können nicht alle genannt werden. "Wir sind aber für jeden Euro dankbar", versichert der Böhlaer.