Sie schnippeln Erdbeeren, vermischen sie mit Zucker und Sahne und gießen eiskalten Stickstoff hinzu - der dann bei Zimmertemperatur zu kochen beginnt und dabei gleichzeitig die Erdbeermasse stark abkühlt, sodass sie gefriert. Das Überraschende: Das Eis aus dem Labor schmeckt wirklich lecker!

"Das Geheimnis ist der Stickstoff", erklärt der 35-jährige Bostedt. Während das chemische Element in der Luft im gasförmigen Zustand vorliegt, wird es bei knapp minus 200 Grad flüssig. Wenn der Stickstoff in diesem Zustand an die Luft mit Raumtemperatur kommt, kocht er wie Wasser auf der heißen Herdplatte und verdampft schließlich. Diese Tatsache machen sich die Berliner Physiker zunutze und "kochen" in ihrer kleinen Küche unter anderem Eis und Blumen.

Bei öffentlichen Veranstaltungen und Kochshows versetzten diese Experimente Kinder und Erwachsene gleichermaßen in Staunen. Im Institut für Optik und Atomare Physik haben sie allerdings tatsächlich einen wissenschaftlichen Nutzen. "Wir benutzen flüssigen Stickstoff täglich bei unserer Arbeit, beispielsweise um Atome für Untersuchungen aneinanderzufrieren oder um Bioproben von Pflanzen haltbar zu machen", berichtet Bostedt, der an seiner Habilitation schreibt.

Denn neben dem "Kochen bei minus 200 Grad" forschen die Physiker vor allem zu hochfrequenter Röntgenstrahlung. Während Bostedt mithilfe eines Lasers irgendwann einzelne Biomoleküle abbilden will - und Stickstoff dabei auch zum Kühlen seiner sehr sensiblen Kamera benötigt -, hat Kathrin Lange im benachbarten Labor schon jetzt eine Art "Batman-Röntgenblick". Mit Röntgenstrahlen kann sie nämlich unter die oberste Schicht von Kunstwerken und Gemälden blicken und so Fälschungen entlarven oder bei der Rekonstruktion beschädigter Fassaden helfen. Dafür war sie sogar schon im berühmten Pariser Louvre im Einsatz.

Stickstoff ist ebenfalls für die genaue Betrachtung biologischer Proben wichtig. "Wenn man eine Pflanze einfach zerschneidet, zerstört man möglicherweise Mikrostrukturen, die die Untersuchung mit Röntgenstrahlen verfälschen oder ganz unmöglich machen", erklärt die 24-jährige Studentin, die im Physikinstitut derzeit an ihrer Diplomarbeit arbeitet. "Werden sie jedoch durch flüssigen Stickstoff regelrecht schockgefrostet, bleiben sie in ihrer originären Form erhalten."

Um das zu demonstrieren, haben die Wissenschaftler noch ein anderes Experiment parat: Sie gießen etwas Stickstoff in ein Thermogefäß und halten eine wunderschöne rote Rose mit der Blüte zuerst hinein. Die warme Blume wirkt in der eiskalten Flüssigkeit wie ein Tauchsieder - der Stickstoff brodelt und blubbert. Als die Rose nach kurzer Zeit wieder herausgenommen wird, ist sie gefroren. Die einzelnen Blätter sind fest konserviert, ähnlich wie Samenzellen in einer Samenbank. Das allein genügt den Physikern aber nicht als Experiment. Sie gehen noch einen Schritt weiter: Der 35-jährige Bostedt holt mit der Rose in der Hand aus und zerschlägt die Blume auf dem Tisch. Die roten Blütenblätter zersplittern wie eine zarte Weihnachtskugel in Dutzende Teile, zurück bleibt nur der kahle, grüne Stengel.

Diese "Kochversuche" kommen bei fachfremden Zuschauern immer so gut an, dass die Physiker bereits eine Geschäftsidee haben: "Die Drittmittel für unsere Forschung sind ja immer eher knapp", sagt Bostedt. "Deswegen haben wir uns schon überlegt, unser gekochtes Eis aus dem Labor gewinnbringend in Berlin-Mitte zu verkaufen!"