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Radevormwald
Ostern beginnt Auferstehung mitten im Alltag

Hartmut Demski
Hartmut Demski
Exklusiv | Radevormwald. Martin Luther schreibt 1530 in der Auslegung des 111. Psalmes: "So ist nun alle Tage bei uns Christen Ostern, nur dass man um des Gedenkens willen einmal im Jahre sonderlich Ostern feiert". Auf den ersten Blick ist das eine seltsame Vorstellung: Alle Tage Ostern feiern. Es erinnert mich an die Satire von Heinrich Böll ("Nicht nur zur Weihnachtszeit") über eine alte Frau, die nach einem Weihnachtsfest nicht mehr aufhören wollte Weihnachten zu feiern. Nun musste sich die ganze Familie jeden Abend mit Weihnachtsbaum und allem Drum und Dran zur Weihnachtsfeier einfinden. Und von der Spitze des Weihnachtsbaumes flüsterte der Engel allabendlich "Friede, Friede, Friede." So kritisierte Böll die veräußerlichte, fassadenhafte Gestaltung der Feiertage. Hartmut Demski

Martin Luther schreibt 1530 in der Auslegung des 111. Psalmes: "So ist nun alle Tage bei uns Christen Ostern, nur dass man um des Gedenkens willen einmal im Jahre sonderlich Ostern feiert". Auf den ersten Blick ist das eine seltsame Vorstellung: Alle Tage Ostern feiern. Es erinnert mich an die Satire von Heinrich Böll ("Nicht nur zur Weihnachtszeit") über eine alte Frau, die nach einem Weihnachtsfest nicht mehr aufhören wollte Weihnachten zu feiern. Nun musste sich die ganze Familie jeden Abend mit Weihnachtsbaum und allem Drum und Dran zur Weihnachtsfeier einfinden. Und von der Spitze des Weihnachtsbaumes flüsterte der Engel allabendlich "Friede, Friede, Friede." So kritisierte Böll die veräußerlichte, fassadenhafte Gestaltung der Feiertage.

"Bei uns ist alle Tage Ostern": So kann es nicht gemeint sein: Nicht jeden Tag Eier suchen, Hasen aufstellen und Osterlämmer backen. Nein, Martin Luther geht es um die Bedeutung des Osterfestes. Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod. Und dieser Sieg geschieht jeden Tag.

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz beginnt ihr berühmtes Ostergedicht mit den Worten:

"Manchmal stehen wir auf,

stehen wir zur Auferstehung auf, mitten am Tage"

Die Auferstehung Jesu scheint für viele Menschen weit weg. Sie gewinnt an Bedeutung, wenn Menschen selbst in Todesnähe sind. Marie-Luise Kaschnitz aber spricht von einer Auferstehung mitten im Leben, "mitten am Tage" - und die geht uns alle an. Mitten im Alltag, das Leben neu spüren. Mut fassen nach einer Niederlage. Den Mund aufmachen, wenn Unrecht geschieht. Mitten im Alltag, festgefahrene Wege und alte Geleise verlassen. Langen Streit beenden und neue Begegnungen suchen. Plötzlich wie mit neuen Augen hinsehen und erkennen: den Menschen an meiner Seite, Segen und Bewahrung auf meinen Wegen, Gott in meiner Nähe: Aufstehen zur Auferstehung, mitten im Leben. Das meint Luther, wenn er sagt: "Ostern ist alle Tage". Er meint diese Auferstehung, mitten im Alltag, und die hat an Ostern begonnen. Sie ist möglich, weil Jesus lebt, und der Tod nicht das letzte Wort behalten wird: einmal nicht, wenn das Leben zuende geht, aber auch heute nicht, wenn der Alltag nach mir greift.

Daran erinnert uns Ostern. Darum feiern wir es dann doch, einmal im Jahr, damit dieses neue Leben in uns einzieht. Darum wünschen wir uns "Frohe Ostern".