Es ist ein Treffen in schwieriger Zeit. Barack Obama ist zwar 2016 immer auch auf Abschiedstournee, kommt aber aus gutem Grund auch nach Deutschland. Denn mehr und mehr sei die US-Regierung von der Sorge getrieben, Europa wanke im Angesicht mehrerer Krisen und Herausforderungen, ist aus seinem Umfeld zu hören. Wen sollte Obama also sonst treffen, wenn nicht die Bundeskanzlerin.

Angesichts Obamas früher Hinwendung zu Asien, der Deklarierung Amerikas als "pazifischer Nation", ist der Europabesuch mehr als eine strategische Nuance. Ein schwaches, uneiniges Europa vor den Türen Russlands - das kann Washington nicht wollen.

Der Besuch des Präsidenten, so heißt es, solle ein Zeichen setzen. Der Westen sei geeint, halte zusammen. Die USA sind an Eurer Seite, aber tut mehr! Das soll eine von Obamas Hauptbotschaften an die Europäer sein. Jetzt, wo der internationale Terrorismus im Herzen des Kontinents angekommen sei, wo die Wirtschaft nur mäßig laufe, angesichts der großen Probleme der Flüchtlingskrise, da solle man besser zusammenhalten. Und ganz konkret mehr Geld für Verteidigung ausgeben. "Europa hat seine Verteidigungsausgaben nicht mal hochgefahren, als Russland vor seiner Tür die Krim annektiert hat", heißt es aus der US-Delegation. Fraglos spiele Deutschland eine herausragende Rolle in der EU. Das Ziel, die Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des Bruttosozialprodukts zu erhöhen, erreiche Berlin trotzdem nicht. Tatsächlich sind es rund 1,1 Prozent.

Rechtzeitig zum Besuch des Präsidenten erreichte die Öffentlichkeit über den "Spiegel" auch die US-Forderung, man erwarte eine sehr konkrete Beteiligung der Bundeswehr an der Ostflanke der Nato. Deutschland solle Truppen und Gerät stellen.

Beim wohl letzten gemeinsamen Auftritt in Obamas Amtszeit dürfte er mit Merkel auch Bilanz ziehen. Gemessen an dem etwas holprigen Start sind die Jahre danach recht glatt verlaufen, trotz mancher Tiefen wie der Affäre um Merkels vom US-Nachrichtendienst abgehörtes Handy. Bei allen Krisen - vom Euro über die Ukraine bis zu den Flüchtlingen - haben sie sich als verlässliche Partner erwiesen, auch wenn die Beziehungen zwischen Berlin und Washington schon einmal deutlich enger waren.

Merkel und Obama verbindet ihre jeweils außergewöhnliche Biografie. Er, der erste schwarze US-Präsident, und sie, die erste Frau und Ostdeutsche an der Spitze des Kanzleramts. Inhaltlich lagen sie in ihrer gemeinsamen Amtszeit aber oft auseinander. Das umstrittene Freihandelsabkommens TTIP zwischen EU und USA hätte Merkel noch gern mit Obama unter Dach und Fach gebracht. Die großen Ängste der Deutschen davor kann sie nicht ganz nachvollziehen.

Als am Samstag in Hannover wieder Zehntausende auf die Straße gingen, versicherte sie erneut: "Wir wollen schon, dass die Menschen nicht den Eindruck haben, wir würden hier etwas verschweigen oder wir würden irgendwelche Normen zur Disposition stellen; das Gegenteil ist der Fall."

TTIP hat viel mit Obamas Politikverständnis zu tun. Kein Auf-den-Tisch-Hauen, keine klare Positionierung, keine Ultimaten. Stattdessen Verhandlungen, Diplomatie, der Verweis auf die langfristigen Effekte, die Rationalität einer Kosten-Nutzen-Rechnung.

Aber wie die Bundesregierung warben auch die USA erst sehr spät für das Abkommen. Man war überrascht, wie viele Menschen von TTIPs technischen Segnungen noch nicht überzeugt waren. Hat Obama Europa verloren, wie manche US-Kommentatoren meinen? Sein letzter Besuch als Präsident in Deutschland wird auch das zeigen.

Zum Thema:
Blut auf Matratzen, Kot und Urin auf dem Boden, Erbrochenes an den Wänden: Drei Hundertschaften der nordrhein-westfälischen Bereitschaftspolizei haben sich geweigert, in ihrer Hamelner Unterkunft für den Einsatz während des Besuchs von US-Präsident Barack Obama zu übernachten. Die Kaserne Linsingen hatte bis vor Kurzem als Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gedient. "Das war wirklich unzumutbar", sagte einer der Beamten gestern. Leider sei die Einsatzplanung am Freitag erst auf Nachdruck durch die Medien bereit gewesen, eine alternative Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Einige Polizisten hatten zuvor in sozialen Netzwerken "Beweisfotos" veröffentlicht.