War es Notwehr? Oder hat ein schießwütiger Hausbesitzer Diren Dede erschossen, nachdem er ihn in eine tödliche Falle gelockt hatte? Am Montag (1. Dezember - F.H.) beginnt in Missoula, einer Kleinstadt im Rocky-Mountains-Staat Montana, der Prozess gegen Markus Kaarma, den Dreißigjährigen, der im April in seiner dunklen Garage vier Schüsse auf den Hamburger Austauschschüler abfeuerte.

Es war kurz nach Mitternacht, als das Babyfon Alarm meldete, ein kleiner Monitor, der erfunden wurde, damit Eltern auch aus der Ferne über ihren schlafenden Säugling wachen können. Kaarma und seine Lebensgefährtin Janelle Pflager hatten das Gerät in die Garage ihres Einfamilienhauses gelegt und obendrein eine Überwachungskamera installiert, um potenziellen Einbrechern auf die Spur zu kommen. Als eine Art Köder, so die Staatsanwaltschaft Montanas, soll das Paar eine Handtasche gut sichtbar in die Garage gestellt und das Tor halb offen gelassen haben. Als die Sensoren Bewegung meldeten, griff sich Kaarma eine Schrotflinte und feuerte vier Mal in die Finsternis. Erst später, Pflager hatte das Garagenlicht angeschaltet, sahen beide den verblutenden Teenager am Boden liegen.

Bis zum 19. Dezember, so der vorläufige Terminplan, sollen zwölf Geschworene vor Richter Ed McLean am Missoula District Court über die Schuldfrage befinden. Während sich Kaarma auf die Castle Doctrine beruft, die Schlossdoktrin, nach der Hauseigentümer tödliche Gewalt anwenden dürfen, wenn sie auf ihrem Grundstück um ihr Leben fürchten, spricht Bernhard Docke von einem nichtigen Anlass, aus dem der 17-jährige Diren sein Leben verlor. "Die Verteidigung wird auf Notwehr und Freispruch plädieren. Diese Rechtsauffassung können wir in keiner Weise teilen", sagt der Bremer Jurist, einer der zwei Anwälte, die die Familie Dede vertreten.

Zwar sei das Waffen- und Notwehrrecht in Montana weiter gefasst als in Deutschland, aber auch dort sei es nicht grenzenlos, "auch dort ist das Privatgrundstück kein rechtsfreier Raum mit der Lizenz zum Töten". Zur Waffe dürfe man erst im Falle einer - zumindest subjektiv so empfundenen - ernsthaften Bedrohung greifen. Daran fehle es in diesem Fall, denn offenbar habe der Täter die Konfrontation gezielt gesucht. "Er hat die Situation offenbar von Anfang an beherrscht, unter dem Deckmantel behaupteter Verteidigung suchte er wohl eine Gelegenheit zum straflosen Gebrauch seiner Waffe", so Docke im Gespräch mit dieser Zeitung.

Paul Ryan, der Verteidiger Kaarmas, versucht das Verhalten seines Mandanten mit einem vorangegangen Einbruch zu erklären. Wenige Tage zuvor sollen in besagter Garage ein iPhone, ein Glas mit Marihuana, eine Geldbörse und Kreditkarten gestohlen worden sein. Dass die Polizei zu lange brauchte, um auf Notrufe zu reagieren, habe Kaarma nach Ryans Worten sehr geärgert.
Diren Dede, ein begeisterter Hobbyfußballer, der für ein Jahr an der Big Sky High School in Missoula lernte, war in der Nacht zum 27. April in der Nachbarschaft unterwegs, zusammen mit Robby Pazmino, einem Freund aus Ecuador. Sie hätten Alkohol gesucht, gab Pazmino später zu Protokoll, es sei ein Dummejungenstreich gewesen beim Garage Hopping, dem Garagenhüpfen, wie es Teenager in der Langeweile der Provinz als eine Art Mutprobe empfinden. Diren, zitiert die Zeitung "Missoulian" den Südamerikaner, habe ein paar Mal aus sicherer Entfernung beobachtet, wie andere Bier klauten. Er selber sei in jener Nacht zum ersten Mal in eine Garage eingedrungen.

Kaarma wiederum war auf Konflikt gebürstet, so bezeugen es zwei Mitarbeiter des Friseursalons "Great Clips", in dem er sich vier Tage vor der Tat die Haare schneiden ließ. Auf die Frage nach seinem Befinden habe er aufgebracht geantwortet, er bleibe nächtelang wach, um "einen verdammten Typen" zu erschießen. "Ich mache keine blöden Späße, ihr werdet es in den verdammten Nachrichten sehen." Von dem früheren Feuerwehrmann ist inzwischen bekannt, dass sein Name im Vorstrafenregister steht. 2003 wurde er von einem Gericht in Seattle wegen häuslicher Gewalt zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. (Schluss)