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| 01:24 Uhr

„Noch immer viel DDR-Mentalität in uns“

Heute vor 20 Jahren ist die DDR-Volkskammer erstmals in einer wirklich freien, demokratischen Wahl gewählt worden. Die RUNDSCHAU hat Frauen und Männer aus dem gesamten Landkreis Elbe-Elster, die sich damals an die Spitze des politischen Umbruchs gestellt hatten, nach ihren Erinnerungen befragt. Von Dieter Babbe, Birgit Rudowund Frank Claus

Neben Diethard Haas, der für die CDU ins Rennen ging und später der erste Nachwende-Landrat im Kreis Finsterwalde war, kandidierte im damaligen Altkreis Finsterwalde auch Michael Wolf, der Pfarrer in Betten, für die SPD. Beide schafften nicht den Sprung in die oberste Volksvertretung. Doch der heute 52-jährige Wolf erinnert sich noch genau an die turbulente Zeit vor zwei Jahrzehnten. Vor Tausenden Menschen auf dem Finsterwalder Marktplatz warnte Michael Wolf bei einer der Wende-Demonstrationen vor der schnellen deutschen Einheit. "Das hätte enorme wirtschaftliche Konsequenzen. Zwei Drittel aller Betriebe würden wegen ihres maroden Zustandes schließen müssen, weil sie der westlichen Konkurrenz nicht gewachsen sind. Die Folge ist ein Millionenheer Arbeitsloser", prophezeite Wolf in einem LR-Beitrag wenige Tage vor der Volkskammerwahl. "Naiv ist, wer weismachen will, das hätte bei uns nicht auch verheerende soziale Folgen. Ich denke nur mal an die Frauen, denen die Freiheit genommen wird, ob sie arbeiten wollen oder nicht. Die Frauen werden zu den Ersten gehören, die auf die Straße fliegen und am Kochtopf landen werden."Es sei bedrückend, dass die Befürchtungen tatsächlich eingetreten seien, die man in seiner Partei vorhergesehen habe, sagt Michael Wolf heute. "Im Rückblick muss ich heute aber auch selbstkritisch sagen, dass man damals ziemlich blauäugig war, was die möglichen Alternativen betraf. Zur deutschen Einheit gab es keine Alternative." Skeptisch bleibe er allerdings, was die militärische Rolle Deutschlands in der Welt betreffe. "Ich habe in der DDR nicht den Wehrdienst mit der Waffe verweigert, damit jetzt die NATO-Truppen bis an die Oder vorrücken", sagte Wolf damals. "Heute stehen sie in Afghanistan - und nichts ist dort besser geworden, solange Menschen sterben."An einem Satz von damals hält Michael Wolf nach wie vor fest. "Lasst Euch nie wieder alles gefallen", appellierte er vor 20 Jahren an die Menschen, die zunehmend ihre Arbeitsplätze verloren. "Unsere Demokratie steht im Osten noch immer auf schwachen Füßen, wenn ich mir die Mitgliederzahlen in den Parteien und Gewerkschaften ansehe." Noch immer sei bei vielen nicht angekommen, dass man etwas erreichen könne, wenn man sich mit Gleichgesinnten verbünde und stark mache. "Hier steckt noch immer viel DDR-Mentalität drin - und das warten auf den starken Mann, der das Problem schon richten wird", beobachtet Wolf. "Demokratie bedeutet auch Auseinandersetzung, Austausch von Argumenten. Davor scheuen sich noch viele." "Das Wichtigste für mich ist, dass nie wieder eine Diktatur an die Macht kommt", waren die Worte von Diethard Haas, der vor 20 Jahren für die CDU für die Volkskammer kandidierte. Und diese Auffassung vertritt er heute noch immer. Für Haas war die "Einführung der sozialen Marktwirtschaft ohne Wenn und Aber" die Voraussetzung der neuen Kommunalpolitik. Mit diesen Worten zog Diethard Haas damals in den Wahlkampf. Auf welchem Platz auf der Liste er landete, weiß er sich nicht mehr. "Doch für mich war nicht die Volkskammer so wichtig, sondern das, was dann kam", sagt der spätere und letzte Landrat des Kreises Finsterwalde heute, der sich inzwischen gänzlich aus dem politischen Leben zurückgezogen hat. "Dafür waren wir auf die Straße gegangen. Freie Wahlen und Demokratie waren unsere Hauptforderungen" sagt Dieter Lichtenau. Der heute 68-Jährige hatte wenige Monate zuvor, im Dezember 1989, unmittelbar nach einer Montagsdemonstration im Herzberger Armaturenwerk gemeinsam mit Gleichgesinnten die SPD-Gruppe Herzberg gegründet. Nach den ersten Kreistagswahlen 1991 im Altkreis Herzberg wurde Lichtenau stellvertretender Landrat des Kreises Herzberg. "An die Einheit oder die Währungsunion habe ich im Frühjahr 1990 noch nicht gedacht. Aber die ersten freien Wahlen waren ein großer Schritt dahin. Wir hatten endlich Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Toleranz gegenüber der Meinung des anderen", so Dieter Lichtenau. Zu den Protagonisten, die die SPD in Herzberg mitgegründet hatten, gehörte auch Eckhard Assel. "Mit diesen Wahlen im März 1990 verband sich für uns eine besondere Freude und Hoffnung, auch wenn wir keinen Kandidaten für die Volkskammer aufgestellt hatten. Erstmals bei Wahlen die Meinung frei und offen äußern zu dürfen, ohne Repressalien fürchten zu müssen — damit hatten wir ein hohes Gut erkämpft. Die Menschen waren alle in Bewegung. Man hat gespürt, dass wir ein Volk sind", sagt Eckhard Assel. Dass heute die Beteiligung an Wahlen in der Region erschreckend niedrig ist, wundert Assel aber nicht. Er kann es sogar nachvollziehen, auch wenn er es nicht gutheißt. "Mit dem heute herrschenden Raubtierkapitalismus können die Menschen hier nichts anfangen", sagt er.Eine besondere Verbindung zu diesem Tag im März 1990 hat die Herzberger Pfarrerin Renate Timm. "Zum einen war es etwas Besonderes, diese ersten freien Wahlen vorzubereiten", sagt sie. "Bis zu den Volkskammerwahlen haben wir die Friedensgebete weitergeführt, und am ersten Mittwoch nach der Wahl haben wir auf dem Herzberger Kirchplatz einen Baum gepflanzt. Heute ist er groß gewachsen und ein Zeichen dafür, dass alles wachsen muss, auch die Demokratie."Das Jahr 1990 war ein turbulentes Jahr. Daran erinnert sich auch Frank Werner, der noch im gleichen Jahr für die CDU in den Brandenburger Landtag einzog und dort ununterbrochen bis 2009 wirkte. Er weiß noch genau, dass sich im Februar 1990 die CDU-Mitglieder des damaligen Altkreises Bad Liebenwerda in der inzwischen maroden Gaststätte "Elstergrund" in Prieschka zum Parteitag trafen, um die ersten freien Volkskammerwahlen vorzubereiten. Hans-Ulrich Lubk aus Lausitz war als Spitzenkandidat nominiert worden. Wenig später gab es dann wie in vielen Orten auch eine Großkundgebung seiner Partei auf dem Marktplatz in Bad Liebenwerda. Während die Bürgerbewegungen meist auf sich allein gestellt waren, bekamen die großen Parteien massive Unterstützung aus dem Westen. Der spätere Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers trat damals in der Kurstadt auf. Frank Werner allerdings hat diese Rede nicht erlebt. "Ich hatte einer guten Bekannten zugesagt, dass ich an diesem Tag zu ihrer Hochzeit auf der Orgel spiele", sagt er."Zu unserer Überraschung wurde Hans-Ulrich Lubk dann sogar Spitzenkandidat der CDU für den gesamten ehemaligen Bezirk Cottbus und zog auch in die Volkskammer ein", erinnert sich Werner und weiß, dass er als Stellvertreter der Kreis-CDU neben dem späteren Kämmerer Siegfried Zeidler maßgeblich die folgenden Kommunalwahlen vorbereitete, weil "Uli Lubk ja fast Tag und Nacht in Berlin eingebunden war". Die Länderbildung, seine Wahl in den Landtag - "1990, das Jahr bleibt mir dauerhaft in Erinnerung", so Werner gestern am RUNDSCHAU-Telefon.