Voller Erwartung stehen sie nun im Morgengrauen an der Reling, eingehüllt in wetterfeste Monturen, die Strickmützen gegen den frischen Meereswind tief in die Stirn gezogen. Es geht hinaus zum Dorschangeln. "Wenigstens einer wäre gut - für die Pfanne und natürlich fürs Ego", sagt Andreas. Der Geschäftsmann aus München macht mit der Familie im Hinterland der Ostsee Urlaub und gönnt sich nun als Hobbyangler einen Solo-Tag auf dem Meer.

Nicht alle Angler, die nach dem Ende der Laichzeit nun von Rostock, Wismar oder Sassnitz zum Dorschfang hinausfahren, sind so bescheiden. Fünf Männer aus dem Münsterland haben die Ausfahrt mit der "MS Storkow" ebenfalls gebucht. Ihre Ausrüstungen lassen auf reichlich Erfahrung im Hochseeangeln und ambitionierte Ziele schließen.

"Wer hierherkommt, lange Fahrstrecken in Kauf nimmt und gutes Geld für das Hotel hinblättert, der will natürlich auch was fangen", sagt Kapitän Lothar Schlicker. Doch nicht allein seine Ortskenntnis in den Fanggründen vor Warnemünde und das sprichwörtliche Anglerglück entscheiden darüber, wie umfangreich der Fang dann am Abend ist.

Seit diesem Jahr gelten zum Schutz der arg strapazierten Dorschbestände in der westlichen Ostsee erstmals auch Beschränkungen für Angler - zusätzlich zu den Fangquoten für Berufsfischer. Maximal fünf Dorsche von mindestens 35 Zentimetern Länge darf ein Petrijünger am Tag fangen. Die Beschränkung gilt auch, wenn der Nebenmann an Bord weniger fängt.

"Da überlegen viele, ob sich die lange Anfahrt überhaupt lohnt", sagt Schlicker und öffnet auf seinem Bordcomputer die Datei mit den aktuellen Anmeldungen. Bis zu zwölf Angler könnte er täglich mitnehmen. Doch das Wort "ausgebucht" findet sich in der Regel nur an den Wochenenden. Gut zwei Drittel der Angler, die vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ihr Glück versuchen, reisten bislang aus anderen Bundesländern oder auch aus der Schweiz an.

Seit die Fangbeschränkungen im Herbst publik wurden, haben sich die Absagen spürbar gehäuft. Auf etwa 30 Prozent schätzt Schlicker den Buchungsrückgang. Von 50 Prozent gar spricht Kapitän Andreas Retzlaff, der seine Touren von der gleichen Anlegestelle gegenüber dem Rostocker Überseehafen startet.

Auch er sieht in den Fangbeschränkungen den Hauptgrund für den Nachfrageschwund. "Die wenigsten Angler holen bei uns am Tag wirklich fünf Fische aus der Ostsee. Wie er zweifelt auch Schlicker die Hochrechnungen des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei an, die der Fangbeschränkung für die westliche Ostsee zugrunde liegen.

Nach Erhebungen der Forscher waren 2015 dort etwa 160 000 Angler an insgesamt etwa einer Million Tagen unterwegs. Bei durchschnittlich drei Dorschen je Fangtag und Angler berechneten die Wissenschaftler eine Gesamtfangmenge von rund 3000 Tonnen. Nach Angaben des Dorsch-Spezialisten Uwe Krumme entsprach dies der Anlandemenge der deutschen Berufsfischer vor der neuerlichen Quotenabsenkung. Die EU-Fischereiminister hatten sich im Oktober vorigen Jahres darauf verständigt, die Fangmenge in der westlichen Ostsee zwischen Kieler Bucht und Bornholm für 2017 um 56 Prozent zu kürzen. Den deutschen Fischern werden in dem Fanggebiet nun 1194 Tonnen Dorsch zugebilligt. Gleichzeitig wurden auch den Anglern erstmals Grenzen gesetzt.

"Die Angler hatten jahrelang Glück, dass sie gewissermaßen unter dem Radar fuhren. Aber der sehr schwache Dorsch-Jahrgang 2015 hat die Politik zu drastischen Maßnahmen gezwungen", erläutert Krumme. Der Bestand sei schon seit vielen Jahren überfischt. Nur mit deutlich verringertem Fischereidruck könne sich der Dorsch in der westlichen Ostsee auch schnell wieder erholen. Die Politik sei bestrebt, die Lasten für den Wiederaufbau des Bestandes gleichermaßen auf Berufs- und Freizeitfischerei zu verteilen. "Es geht um nachhaltige Bewirtschaftung. Schließlich wollen Fischer und Angler auch in zehn oder 20 Jahren Dorsch aus der Ostsee holen", sagt Krumme.

Doch angesichts der Fangbegrenzungen, hoher Kosten für den Unterhalt der Kutter, für Versicherungen und für die regelmäßig zu erneuernden Zertifikate hegt Kapitän Schlicker zunehmend Zweifel, dass seine Zunft noch lange durchhält. Sein Geschäft habe im Vorjahr rund 8000 Euro Gewinn abgeworfen.

Neben den rückläufigen Buchungen drohten nun auch noch höhere Liegekosten am stadteigenen Kai das Ergebnis weiter zu schmälern. Der Bescheid der Stadtverwaltung über eine saftige Gebührenerhöhung von fast einem Drittel sei gerade gekommen.

"Man könnte den Eindruck gewinnen, dass man uns nicht mehr will", resümiert Schlicker.