"Es fühlte sich wunderbar an", schwärmte der 77-Jährige nach seinem "Himmelsspaziergang" (Skywalk) mit Stammesältesten der Hualapai-Indianer, denen ein breites Stück des Grand Canyon im US-Bundesstaat Arizona gehört. Aber es sei nicht mit einem Spaziergang im Weltraum zu vergleichen, "denn hier läuft man über sehr festes und äußerst stabiles Glas", versicherte Aldrin.
Ein schwacher Trost für Besucher mit Höhenangst, wie Elisbeth Hurtado aus dem 200 Kilometer entfernten Las Vegas: "Mein Herz raste, als ich über dem Abgrund stand, das Glas knacken hörte und dann ein leichtes Schwingen spürte." Der Blick sei einzigartig, aber "ich war wie versteinert", gestand Hurtado. Mutige lehnten sich über das knapp 1,50 Meter hohe Glasgeländer hinaus, andere pressten ihr Gesicht auf den sieben Zentimeter starken Glasboden. Tief unter ihnen schlängelt sich der Colorado River grün durch die Schlucht, neben senkrecht-abfallenden roten Felswänden, vier mal so hoch wie der Pariser Eiffelturm.
Der gläserne Nervenkitzel ist drei Meter breit und von einem zum anderen Ende 45 Meter lang. Allein das Glas wiegt 28 Tonnen. Die 48 Bodenscheiben werden von einer Stahltrasse - pfirsichrosa gestrichen - gehalten. Die gesamte Konstruktion ist über 480 Tonnen schwer und mit dicken Trägern mehrere Meter tief im Gestein verankert. Stürme mit einer Windstärke von bis zu 160 Stundenkilometern soll der "Skywalk" schadlos überstehen, ebenso ein Erdbeben der Stärke acht. Die Ingenieure versicherten den ersten Besuchern: "Der Balkon hält 822 Leute, die jeweils 90 Kilogramm wiegen, aus.
Doch so eng dürfte es nie werden. Die Vorschriften sind strikt: Höchstens 120 Besucher werden gleichzeitig auf die Plattform gelassen, ohne Kameras, Handtaschen und hohe Absätze. Es soll nichts über den Rand fliegen oder beschädigt werden. Stöckelschuhe könnten in den schmalen Ritzen zwischen den Glasplatten stecken bleiben. "Garantiert bruchsicher ist nichts", räumt Roger Watson von der Glasbaufirma Saint-Gobain ein. Einen Angriff mit einem Schlaghammer würde selbst das Spezialglas des "Skywalk" nicht verkraften. Doch Watson vertraut ganz auf deutsches Know- how. Das Unternehmen ließ die Scheiben für den Boden und die Brüstung von Glasbau-Experten in Köln und Berlin produzieren und biegen.
Dabei kam es den Betreibern auf einen ungetrübten Blick an. Das speziell eisenoxidarme Glas sei "so durchsichtig", dass die Farbpalette der Felswände nicht verzerrt werde, versichert Watson. Die Hualapai-Indianerin Silvia Querta, eine von 2700 Stammesangehörigen des Reservats, schwärmte nach ihrem ersten Spaziergang: "Mein ganzes Leben lang bin ich am Rand des Grand Canyons entlang gelaufen. Ich war auch schon oft unten im Tal, aber nun bin ich zum ersten Mal in der Luft über der Schlucht gewandert." Doch viele Stammesmitglieder teilen ihre Begeisterung nicht. "Das ist unser heiliger Boden, wo unsere Vorfahren herkommen, den wir respektieren und schützen sollten", meint indes Nettie Pausky, eine 36 Jahre alte Mutter.
Der Stammesvorsitzende Charlie Vaughn hat sich dagegen für die Bebauung stark gemacht. "Die Zukunft unserer Kinder liegt mir mehr am Herzen als der Wunsch, unsere Landschaft zu schützen", erklärt der Hualapai-Älteste.
Ein Stammesausschuss hatte dem Investor David Jin vor drei Jahren grünes Licht für den 30 Millionen teuren Glasbalkon auf ihrem Reservat am Westrand des Grand Canyon gegeben. Als Eintritt wollen sie von jedem Besucher 25 Dollar kassieren. Jin wird prozentual beteiligt, doch der Bau ist Eigentum des Stammes.