Nach 40 Jahren Zypern-Konflikt könnte es jetzt mit der Wiedervereinigung des letzten geteilten Landes in Europa plötzlich sehr schnell gehen. Nach dem in zähen Verhandlungen in New York vereinbarten UN-Fahrplan scheint es für die verfeindeten politischen Führungen der zwischen Griechen und Türken geteilten Mittelmeerinsel keinen Weg mehr zurück zu geben. Und der dürfte, wenn bei den am Donnerstag beginnenden Verhandlungen nichts schief geht, am 1. Mai für beide Seiten direkt in die Europäische Union (EU) führen.
Mit der Einigung auf den von UN-Generalsekretär Kofi Annan vorgegebenen Fahrplan sind der zyprische Präsident Tassos Papadopoulos und Rauf Denktasch, der Führer der türkischen Zyprer, praktisch zum Erfolg verurteilt. Das gilt in gleichem Maße für Athen und Ankara. Während Denktasch gestern bei seiner Rückkehr als Erfolg verbuchte, dass die Mutterländer Türkei und Griechenland ein gewichtiges Wort mitzureden haben werden, stellte Papadopoulos die Einbeziehung der EU in den Vordergrund.
Die Frage, ob und wie die EU in den Verhandlungspoker auf Zypern einbezogen werden soll, war einer der strittigsten Punkte in New York. Während die griechische Seite zunächst auf eine volle Präsenz eines EU-Vertreters beharrte, wollten die Türken die EU am liebsten ganz heraushalten. In der Anwesenheit der EU sieht die griechisch-zyprische Seite einen zusätzlichen Hebel, stärkere Kompetenzen für die Zentralregierung des zu bildenden föderativen Nachfolgestaates auf Zypern durchzusetzen.
Schließlich fand Annan mit der Formel einer "technischen Unterstützung" seitens der EU die goldene Mitte. Damit waren beide Seiten zufrieden. Nach Angaben des UN-Sondergesandten Alvaro de Soto, der den Konfliktparteien auch diesmal zur Hand gehen wird, ist die EU indirekt anwesend. "Das hatten wir bei den vergangenen Runden. Experten der EU waren dabei und haben uns beraten", sagte de Soto. So werde es auch diesmal sein.
Beobachter in Athen konstatierten, dass die Konfliktparteien mit den Vereinbarungen von New York in einen immer enger werdenden "trichterförmigen Tunnel" geführt würden, an dessen Ende nur eine Lösung der Zypernfrage stehen könne. Wer daraus fliehe, dem drohe die Verurteilung durch die gesamte internationale Gemeinschaft. Was immer auch in dem Tunnel passiere, meinte gestern ein türkischer Kommentator, fest stehe bisher nur, dass die griechisch-zyprische Seite als EU-Mitglied daraus hervorgehen werde. Wie die türkische Seite am Ende aussehen werde, sei dagegen unklar. Das Wahrscheinlichste sei, dass der Annan-Plan mit einigen wenigen "kosmetischen Veränderungen" den Volksgruppen auf Zypern zur Abstimmung vorgelegt werde.
Fast überschwänglich reagierten allerdings die meisten Zeitungen in der Region auf den Durchbruch. "Die Zypernfrage ist damit praktisch gelöst", schrieb die Athener Zeitung "To Wima". UN-Generalsekretär Annan sei zum "höchsten Richter" der Lösung des Zypernkonflikts ernannt worden. "Dieses Bild - der vor Annan einander die Hände reichenden Kontrahenten Papadopoulos und Denktasch - führt zum Nobelpreis", jubelte die türkische Zeitung "Hürriyet". Wenn das vier Jahrzehnte alte Problem bei den nun beginnenden Gesprächen gelöst werde, würden sowohl Annan als auch die beiden Zypern-Führer zu "Helden des Friedens".
Das Massenblatt "Sabah" meinte sogar herausgehört zu haben, was die türkische Seite in New York zum Einlenken bewogen habe: "Signale" aus Brüssel, dass über den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Ankara nicht erst Ende des Jahres, sondern bereits beim EU-Gipfel im Sommer entschieden werden könne - so denn ein wiedervereinigtes Zypern am 1. Mai der EU beitritt.
Denktasch hofft auf ein "gutes Ende" der Verhandlungen. Die Zeit sei knapp, aber wenn beide Seiten "mit gutem Willen" an eine Lösung herangingen, könne ein Ergebnis erzielt werden. Der Führer der Zypern-Türken machte deutlich, dass er sich "für die Rechte" der türkischen Zyprer einsetzen werde. Diese dürften nicht als Minderheit behandelt werden. Es müsse akzeptiert werden, dass es auf Zypern "zwei gleiche und souveräne Völker" gebe. Die griechische Seite müsse verstehen, "dass sie Zypern nicht einfach schnappen und davonlaufen kann".
Zurückhaltend äußerte sich auch Papadopoulos. "Die Zypernfrage ist noch nicht gelöst", sagte der zyprische Präsident am Wochenende nach seiner Rückkehr auf die geteilte Mittelmeer-Insel. Nichts sei gelöst. "Wir werden aber intensiv für eine Lösung arbeiten", versprach er in der Hauptstadt Nikosia.

Stichwort Geteiltes Zypern
 Die Insel Zypern ist das letzte geteilte Land Europas. Seit 1974 leben die etwa 720 000 griechischen und 230 000 türkischen Bewohner getrennt. UN-Blauhelme bewachen die mit Mauern und Stacheldraht gesicherten Grenzen auch in der Hauptstadt Nikosia. 1974 hatten griechische Nationalisten gegen Präsident Erzbischof Makarios geputscht. Aus Sorge vor einem Anschluss an Griechenland schickte die Türkei Truppen in den Norden.