Das unverzichtbare Symbol für einen neuen Lebensabschnitt. Die Schultüte versüßt seit 1817 Schulanfängern den gefürchteten ersten Tag in neuer Umgebung. Seither hat sich an der Form der Kulttüte kaum etwas geändert. Der runde Spitzkegel und die sechseckige Variante standen bisher zur Auswahl. Doch in diesem Jahr wird erstmalig auch eine zwölfeckige Form angeboten.

8000 neue Tüten
Die Nachfrage nach dem neuen Produkt sei größer als erwartet, sagt Ursula Nestler, Chefin der Nestler GmbH aus dem erzgebirgischen Ehrenfriedersdorf in der Nähe von Annaberg-Buchholz. Dort wird die Plisseetüte entwickelt und hergestellt. Der nach eigenen Angaben marktführende Schultütenproduzent rechnet damit, in diesem Jahr 8000 dieser neuen Tüten absetzen zu können.
Insgesamt fertigt der Familienbetrieb jährlich 1,6 Millionen Schultüten für den deutschen und den österreichischen Markt. Obwohl die Zahl der Schulanfänger aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge sinke, habe das Unternehmen in dieser Saison seinen Umsatz im zweistelligen Bereich gegenüber dem Vorjahr gesteigert, berichtet Nestler.
Vom Kap Arkona bis zur Steiermark krönen offenbar überwiegend Schultüten aus dem Erzgebirge den Schulanfang. In anderen Ländern gebe es diese Tradition nicht, meint der Hamburger Hans-Günter Löwe. Der pensionierte Lehrer beschäftigt sich mit der Historie der Zuckertüten, wie sie wegen ihres Inhalts vor allem in Sachsen und Thüringen noch heute heißen.
Ein Schüler in Jena habe 1817 „eine mächtige Tüte Konfekt“ zum Schulanfang bekommen, berichtet Löwe. Drei Jahre später habe ein Vater in Dresden seinen Sohn mit einer heimlich beim Bäcker gekauften Zuckertüte überrascht. Um 1910 soll schließlich Carl August Nestler im erzgebirgischen Wiesa damit begonnen haben, die Tüten serienmäßig zu produzieren.
Von dort aus habe sich der Brauch schließlich nach ganz Deutschland verbreitet. Neben Süßigkeiten sei die Tüte in den Nachkriegsjahren auch mit Kartoffeln oder Bockwürsten gefüllt worden. Während im Westen Deutschlands der runde Spitzkegel verschenkt wurde, hatte sich in der DDR die sechseckige Variante durchgesetzt. Auch heute noch werde diese von ostdeutschen Eltern in der 85-Zentimeter-Version bevorzugt, erzählt die Nestler-Chefin. Westdeutsche Eltern griffen eher zur runden 70-Zentimeter-Tüte. „Die neue Plisseetüte könnte eine Brücke bauen“ , meint sie augenzwinkernd.

Zuckertüte mit Trendmotiven
Ob nun rund oder eckig, mit Tüll-, Krepp- oder Filz-Bordüre - abenteuerlich sind die Tüten für die Erstklässler alle. Während zu DDR-Zeiten die Eltern oftmals die Tüte mit einem Tuch umhüllten, um sie vor den Augen des Abc-Schützen zu verbergen bis sie das heiß ersehnte Stück in der Schulaula überreicht bekamen, wählen heutzutage viele Kinder ihre Tüte lieber selbst aus.
Dabei stünden trendige Bilder hoch im Kurs, weiß die Firmenchefin. Während bei den Mädchen pinkfarbene Zuckertüten mit Prinzessinnen-oder Barbie-Puppen-Aufdrucken angesagt seien, bevorzugten die Jungen Motorräder, Rennautos oder Dinosaurier.
Der Traditionsbetrieb aus dem Erzgebirge bietet nach eigenen Angaben jährlich rund 50 verschiedene Bild-Motive an. „Die Hälfte davon wird pro Saison neu entworfen“ , sagt Nestler.
Das Entwicklungszimmer für die Zuckertüten werde dabei überwacht „wie Ford Knox“ , betont Nestler und schmunzelt. Auf den Kartonagen sind 2006 unter anderem der US-Schauspieler Johnny Depp als Karibik-Pirat in Szene gesetzt, aber auch Comicfigur „Spongebob“ geistert auf den Schultüten herum.

Hintergrund Von der Schultüte bis zu Drahterzeugnissen
  Neben den traditionell runden und sechseckigen Schultüten gibt es erstmals in diesem Jahr eine Schulanfangstüte mit zwölf Ecken im Handel. Die Plisseetüte wurde im erzgebirgischen Ehrenfriedersdorf bei Annaberg-Buchholz in der Nestler GmbH entwickelt.
In dieser Saison hat der Familienbetrieb nach eigenen Angaben insgesamt 1,6 Millionen Schultüten für den deutschen und österreichischen Markt produziert. Die Produktpalette umfasst neben der neuen Form die traditionellen 70 Zentimeter großen, runden Tüten sowie 85 Zentimeter bis ein Meter große, sechseckige Tüten und vielfältige kleine Varianten.
Neben der 1910 bei der Firma erstmals serienmäßig produzierten Schultüte entstehen im Feinkartonagenbereich des Betriebs noch Oster-sowie Weihnachtsschmuck. Erstmals in diesem Jahr ziert die Dresdner Frauenkirche als Bildmotiv eine füllbare Weihnachtskugel aus Pappe. Weiterhin stellt Nestler Drahterzeugnisse her.