Die Kisten fliegen nur so durch die Gegend. Ein schwerer Bananenkarton nach dem anderen wird von der Ladefläche des Sattelschleppers abgeladen. Das Lager der Caritas im litauischen Vilnius füllt sich schnell.

Zum 145. Mal ist ein Hilfstransport der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in der Hauptstadt des baltischen Landes eingetroffen. Alte Schuhe, warme Jacken, Hosen - was die deutsche Wegwerfgesellschaft nicht mehr benötigt, wird hier an Bedürftige verteilt.

"Die Menschen haben es noch immer nötig", sagt die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, die mit einer Delegation der IGFM kürzlich zu den litauischen Partnern gekomen war. Denn das Durchschnittseinkommen in Litauen beträgt nach Angaben der Europäischen Union von Ende 2014 nur knapp 600 Euro, die Durchschnittsrente 400 Euro. Später, in seinem Büro im Zentrum von Vilnius, berichtet der Direktor der Caritas der Erzdiözese Vilnius, Linas Kukuraites, von der sozialen Situation im Land. "Die Solidarität unter den Menschen wächst, aber sie reicht nicht aus", sagt der Caritas-Chef. "Menschen, die obdachlos oder arm sind, sind an ihrer Situation selbst schuld - das ist hier eine verbreitete Auffassung." Mit dem Ergebnis, dass es nur wenig Unterstützung für Bedürftige gibt. "Die Litauer helfen Kindern oder Behinderten", sagt Kukuraites. "Wenn ein Kind erwachsen ist, endet die Hilfe oft."

Litauen ist Vollmitglied der Europäischen Union, und hat den Euro eingeführt. Auf den Straßen von Vilnius tragen die Menschen europäische Markenkleidung, der Porsche oder der Mercedes gehört genauso zum Stadtbild wie die alte Frau, die den Discogängern selbstgepflückte Blumen verkaufen will.

Und auch im Sozialsystem ist an manchen Stellen der Aufschwung spürbar. Etwa draußen, vor der Stadt, in Antavilai, wo die katholische Kirche ein Altersheim betreibt. Es ist nagelneu, gebaut mit Geldern der Europäischen Union.

Silbern glänzende Handgeländer aus Edelstahl, helle, freundlich gestrichene Flure. Aufzüge gibt es, eine kleine Kapelle, Räume für Bewegungstherapie, Konzerte, Freizeitgestaltung. Das Gebäude hat einen höheren Standard als manche Einrichtung in Deutschland.

"Wir betreuen Senioren, aber auch Menschen mit Behinderung", sagt Geschäftsführer Bronislovas Freimantas. Das Heim hat 288 Plätze, rund 140 Mitarbeiter. Finanziert wird der laufende Betrieb zu 80 Prozent über die Renten der Bewohner. 20 Prozent erhält der Träger als Zuschuss vom litauischen Staat. Doch auch hier braucht es die Hilfe der IGFM: Pflegebetten, Rollstühle und Ergometer, die in deutschen Einrichtungen nicht mehr benötigt werden, sind von den Menschenrechtlern nach Litauen gebracht worden. Denn für die Ausstattung des Gebäudes gab es keinen Zuschuss von der Europäischen Union. Und bei den beschränkten Mitteln, die den Rentnern des baltischen Landes zur Verfügung stehen, wäre ohne die Unterstützung aus Deutschland manches spärlicher geblieben.

Furcht vor Russland

Spürbar allerdings sind in Litauen nicht nur die sozialen Gegensätze. Spürbar ist auch die Furcht vor dem großen Nachbarn Russland. Zum Beispiel im Parlament. Einst war das Gebäude der Sitz des Obersten Sowjets. Vor der Tür steht noch eine Barrikade, hinter der die Litauer einst die Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion erkämpften.

"Wir haben Angst vor Russland", sagt der litauische Verteidigungsminister Juozas Oleckas im Gespräch mit der IGFM-Delegation, zu der auch Brandenburgs Parlaments-Vize Dieter Dombrowski (CDU) als langjähriges Mitglied der IGFM gehört. Olekas hofft auf Militärhilfe durch den Westen.

Derzeit führt die Regierung des baltischen Landes die Wehrpflicht wieder ein. "Wir wollen zum Herbst 3000 Wehrpflichtige einziehen", sagt der Minister - und verweist darauf, dass sich schon 2000 Freiwillige gemeldet haben. Für die Bevölkerung ist ein Handbuch zum Verhalten im Kriegs- und Krisenfall erstellt worden, das Budget für Militärausgaben wurde drastisch erhöht. Olekas betont auch die Bedeutung der Sanktionen gegen Russland - und der starken Unterstützung von Nato und EU.

"Wir haben an der Marine-Operation Atalanta am Horn von Afrika teilgenommen, wir waren in Afghanistan dabei - jetzt brauchen wir die Solidarität unserer Bündnispartner." Schon heute beteiligt sich Deutschland mit Flugzeugen an der Luftraumüberwachung im Baltikum. "Uns ist ein starkes Deutschland wichtig", sagt Oleckas. "Vor dem Sitz der litauischen Staatspräsidentin in Vilnius wehen drei Flaggen: die litauische, die europäische und die Nato-Flagge", hat Edgar Lamm, Vorsitzende der IGFM, beobachtet. "Das ist ein deutlicher Hinweis, von wem man im Ernstfall Hilfe erwartet."

"Es ist eine Freude, zu sehen, wie sich das EU-Mitglied Litauen entwickelt hat", sagt CDU-Politiker Dieter Dombrowski. "Und wenn sich der litauische Verteidigungsminister ein starkes Deutschland wünscht, ist das natürlich in erster Linie ein Kompliment an unser Land." Aber es sei auch der Wunsch an Deutschland, sich im Rahmen seiner Bündnisverpflichtungen in der Nato zu engagieren. "Und da ist auch das Engagement in den baltischen Staaten absolut wichtig."

Zum Abschluss der Reise geht es ins Memelland. Hier leben nur noch einige Hundert Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg diesen Teil Ostpreußens nicht verlassen konnten oder wollten.

Sie empfangen oft nur eine geringe Rente, auch sie sind auf Hilfe aus Deutschland angewiesen. Beim deutschen Verein "Heide" in Silute, dem ehemaligen Heydekrug, heißt ein Transparent Besucher "Herzlich Willkommen", Rechtschreibfehler inklusive.

Und tatsächlich: Der fehlende Sprachunterricht ist eines der größten Beschwernisse der Minderheit. "Unsere Priorität ist die Sprache", sagt Gerlinda Stunguriene, die Vereinsvorsitzende.

Auch im Memelland macht sich die Furcht vor Russland breit. "Wir spüren die unmittelbare Nähe des Kaliningrader Gebiets", sagt Frank Pruszak, der von Deutschland nach Litauen auswanderte, und heute zum Vereinsvorstand gehört. "Es ist ein bisschen so wie einst mit der Berliner Mauer." Die Menschen versuchten, sich nicht zu sehr beeindrucken zu lassen, "aber jeder weiß, die Bedrohung ist da."

Leere Grenze

Einige Kilometer weiter führt die Grenzbrücke über die Memel ins ehemalige Tilsit, das heute Sowjetsk heißt. Noch vor einigen Jahren gab es hier eine rege Zollabfertigung: Unzählige Cafés auf der litauischen Seite künden davon. Heute sind sie geschlossen, die Fenster eingeschlagen, die Geschäfte leer. Nur selten durchbrechen Autos auf dem Weg in das frühere Königsberg die Stille.

Die Krise zwischen der EU und Russland ist an der Grenze zwischen Litauen und dem Kaliningrader Gebiet mit Händen zu greifen.