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Zwischen Rausch und Leid: Die blutige Spur des Drogenhandels

Mexiko-Stadt. Entlang der Schmuggelrouten bleiben Zehntausende Tote zurück. In die Kassen der Kartelle werden satte Gewinne gespült. Denis Düttmann

Es ist ein weiter Weg von den Koka-Feldern an den kolumbianischen Andenhängen bis in die Berliner Clubs. Leichen säumen die Tausende Kilometer lange Schmuggelroute. "Wenn jemand Kokain nimmt, landet sein Geld hier und finanziert Landminen, Umweltzerstörung, Terrorismus, Entführung und Vertreibung", sagt der ehemalige kolumbianische Vizepräsident Francisco Santos.

Nach Angaben des UN-Büros für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung (UNODC) konsumieren weltweit rund 250 Millionen Menschen mindestens einmal pro Jahr Drogen. Das entspricht ungefähr der Bevölkerung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien zusammen. Schätzungen zufolge werden im illegalen Drogenhandel pro Jahr rund 400 Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Zuletzt nahm der Handel mit Opium und Kokain noch einmal deutlich zu. Nach einem längeren Rückgang seien die Anbauflächen für die Koka-Pflanze in Südamerika in den vergangenen Jahren um 30 Prozent gewachsen, heißt es im neuen Weltdrogenbericht der Uno. Vor allem in Kolumbien habe die Kokain-Produktion kräftig zugelegt. Zugleich sei wegen einer besseren Ernte die Opium-Produktion binnen Jahresfrist um 30 Prozent angestiegen.

Kokain wird von den Anbauregionen in den Andenländern über Mittelamerika und Mexiko in die USA oder über Venezuela und Westafrika nach Europa geschmuggelt. Heroin gelangt aus Afghanistan über Russland oder die Türkei und den Balkan nach Europa. Mit jedem Kilometer steigt der Preis der illegalen Ware.

In den Anbaugebieten in der Andenregion wird ein Gramm Kokain für rund zwei Dollar gehandelt, in den USA liegt der Straßenverkaufspreis bei etwa 80 Dollar. Diese enorme Gewinnspanne weckt Begehrlichkeiten. In Mexiko befeuert das schmutzige Drogengeld einen Krieg zwischen den Verbrechersyndikaten und staatlichen Sicherheitskräften mit bereits mehr als 100 000 Toten, in Afghanistan finanzieren sich die radikal-islamischen Taliban mit Opiumhandel, und in Kolumbien haben rechte Ex-Paramilitärs das Kokain-Geschäft übernommen.

Polizei und Militär machen in Mexiko vor allem Jagd auf die Kartellbosse. Seit 2012 wurden 107 der 122 meistgesuchten Verbrecher des Landes "neutralisiert", wie es im Behörden-Jargon heißt - also gefasst oder getötet. Anfang des Jahres lieferte Mexiko den Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells, Joaquín "El Chapo" Guzmán, an die USA aus. Die Sicherheitslage hat sich dadurch allerdings nicht verbessert, im Gegenteil. "Das Abschneiden der Köpfe führt zu einem Machtvakuum, Kämpfen um die Nachfolge, Zersplitterungen der Banden und noch mehr Gewalt", sagt der Sicherheitsexperte Alejandro Hope.

In den vergangenen Monaten haben die internen Verteilungskämpfe in der mexikanischen Unterwelt eine beispiellose Gewaltwelle ausgelöst. Allein im Mai wurden nach Angaben des Amts für öffentliche Sicherheit 2186 Menschen getötet. Das war der höchste Wert seit Beginn der systematischen Erhebung vor 20 Jahren. Seit Jahresbeginn wurden 9916 Menschen getötet, 29,5 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2016. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im gesamten vergangenen Jahr 876 Menschen Opfer von Mord und Totschlag.

Die mexikanische Unterwelt ist im Umbruch: Zwei Fraktionen kämpfen derzeit um das Erbe von "El Chapo", das Kartell Jalisco Nueva Generación nutzt die vermeintliche Schwäche des mächtigen Konkurrenten und baut seinen Einfluss aus, in den Opium-Anbaugebieten im Südwesten des Landes stecken kleinere Banden ihre Claims ab. Angesichts des neuen Heroin-Booms in den USA wollen sie ein Stück vom Kuchen abhaben.

"Die Kartelle, wie wir sie kennen, erleben eine Krise", sagt die Journalistin und Drogenexpertin Anabel Hernández. "Aber das organisierte Verbrechen hat schon immer die Fähigkeit besessen, sich neu zu erfinden." Der Trend geht zur Dezentralisierung, die neuen Bosse meiden die Öffentlichkeit. In Mittelamerika steigen nach Einschätzung der Behörde UNODC die mächtigen Jugendbanden zunehmend ins Drogengeschäft ein. Die sogenannten Maras machen das ohnehin blutige Drogengeschäft noch brutaler und verwandeln Guatemala, El Salvador und Honduras in ein Schlachtfeld.

Bislang hat der militärisch-repressive Ansatz der Drogenpolitik zu keinen nennenswerten Erfolgen geführt. Zehntausende Menschen wurden im "Krieg gegen die Drogen" bereits getötet. In den USA sind die Gefängnisse voll mit Häftlingen, die nur wegen Drogenbesitzes einsitzen. Und die Kartelle streichen noch immer satte Gewinne ein. "Massive Korruption, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen sind die Konsequenzen eines zu häufig militarisierten Ansatzes", schreiben die Analysten der Crisis Group.

Zum Thema:
Der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr, kurz auch "Weltdrogentag", offiziell International Day against Drug Abuse and Illicit Trafficking, findet jährlich am 26. Juni statt. Dieser Aktionstag wurde im Dezember 1987 durch die Resolution 42/112 der Generalversammlung der Vereinten Nationen festgelegt und ist gegen den Missbrauch von Drogen gerichtet. Ähnlich wie der Weltnichtrauchertag ist der Weltdrogentag jedes Jahr Anlass für Aktionen. Seitens der Vereinten Nationen ist das United Nations Office on Drugs and Crime für den "Weltdrogentag" verantwortlich. (Quelle: Wikipedia)