Auf die Frage nach seinem letzten Urlaub reagiert Joachim Wolf wie auf einen Witz: Er lacht. Über 18 Jahre liegt die letzte gemeinsame Erholung des 49-Jährigen mit seiner Frau zurück. Eigentlich hatten sie im vorigen Herbst endlich wieder verreisen wollen. Doch ein tragischer Todesfall in der Familie kam dazwischen. In diesem Jahr, so Wolf, ist aus wirtschaftlichen Gründen kein Urlaub drin.
Joachim Wolf ist Milchbauer. In seinen Ställen in Kölsa bei Falkenberg stehen 120 Milchkühe und 160 Jungrinder aus eigener Zucht. Eine Million Liter Milch liefert er pro Jahr an die Molkerei. Das Geld, das er damit verdient, wird jedoch immer weniger.
1993 hatte der Rinderzuchtexperte zusammen mit seiner drei Jahre jüngeren Frau Bärbel den Schritt zum bäuerlichen Familienbetrieb gewagt. In Kölsa pachtete er zunächst und kaufte später Teile eines ehemaligen volkseigenen Gutes. In Doberlug-Kirchhain bewirtschaftet er Felder zum Futteranbau. Als Wiedereinrichter baute er den Betrieb völlig neu auf: „Wir mussten alles anschaffen, nicht nur Maschinen, sondern auch die Kühe, und dafür Kredite aufnehmen.“

Um halb fünf im Stall
Anfangs wirtschafteten die Wolfs mit einer anderen Familie zusammen, damit sich die Arbeit besser verteilt, jeder mal frei machen kann. So war es gedacht, doch nach einem Jahr trennten sich die Wege. Joachim Wolf und seine Frau standen dann erst mal ein Jahr lang jeden Morgen um halb fünf selbst im Stall, um zu melken. Dann erst konnte der Bauer, wieder mit Kredit, Milchquote dazukaufen und einen Melker anstellen.
Inzwischen hat er einen zweiten Angestellten, der ihm auf den Feldern und Wiesen hilft. Jetzt beginnt der Arbeitstag von Joachim Wolf früh um sechs und dauert bis abends um sieben. Dazu kommen sechs bis sieben Stunden am Samstag und etwa fünf Stunden am Sonntag. „Das ist das Minimum“ , sagt der Milchbauer. Er füttert die Rinder, arbeitet auf den Feldern, repariert defektes Werkzeug, wenn es geht, selbst. Dazu kommen Bestellungen, Rechnungen, Buchhaltung. Wenn er mal für zwei bis drei Tage zu einer Rinderzuchtschau fährt, kommt ihm das schon wie ein kleiner Urlaub vor.
Die Bullenkälber, die auf seinem Hof zur Welt kommen, verkauft Joachim Wolf zur Mast oder Zucht, doch wichtigste Einkommensquelle für den Hof sind die 120 Milchkühe. Eine von Wolfs Kühen gibt im Jahr etwa 8600 Liter Milch. 1998 waren es noch 10 000 Liter. Wolf hat die Leistung seiner Kühe selbst reduziert, indem er ihnen kein teures Sojafutter mehr gibt. „Dieses Futter kostet mich inzwischen genauso viel, wie ich für die damit zusätzlich produzierte Milch bekomme, da kann ich das auch lassen“ , rechnet der Bauer vor.

Milchpreis wie 1994
Die Molkereien bezahlen den Landwirten zurzeit rund 26 Cent pro Liter Milch. Das ist derselbe Preis wie 1994. Doch vieles, was Joachim Wolf kaufen muss, ist inzwischen deutlich teurer geworden: Die Preise für Diesel und elektrischen Strom haben sich verdoppelt. Fremde Arbeitsleistungen, die der Bauer zum Beispiel für Reparaturen braucht, kosteten vor zehn Jahren noch rund 20 Euro pro Stunde, heute sind es 30 bis 35 Euro. Andererseits bekommt Wolf für 30 bis 40 Kühe, die er jedes Jahr als Schlachtvieh verkauft, weniger Geld, als vor der BSE-Krise. Die Schlachtviehpreise für Rinder hatten sich damals halbiert und erholen sich noch immer nur sehr langsam.
Eine Folge davon ist, dass die beiden Angestellten des Kölsaer Bauern seit 1998 keine Gehaltserhöhung bekommen haben. „Ich würde ihnen gern mehr geben, aber es geht einfach nicht“ , sagt Joachim Wolf. Auch er selbst gönnt sich nur ein etwas teureres Auto als Luxus: „Ich habe keine Sparbücher, mein Girokonto ist überzogen.“ Der wirtschaftliche Druck durch den niedrigen Milchpreis bleibt aber nicht nur auf den Hof beschränkt. Um zu sparen, wird immer mehr selbst erledigt, werden kaum noch Aufträge an Firmen vergeben. Joachim Wolf leistet so gut es geht Geburtshilfe, wenn seine Kühe kalben. Der Tierarzt wird nur noch gerufen, wenn es unvermeidlich ist. „Gestern haben wir ein gebrochenes Mähwerk selbst geschweißt, das hätte in der Werkstatt bestimmt 500 Euro gekostet“ , so Wolf. Er kauft an Maschinen nur noch was unbedingt notwendig ist. Ebenso werden nur noch die dringendsten Bauarbeiten an den alten Stallgebäuden in Auftrag gegeben. „Wenn man über Landwirtschaft redet, sieht man immer nur die Bauern selbst, von unseren Aufträgen leben viele, gerade in einer Region wie dem Elbe-Elster-Land.“ Eigentlich müsste er, so Wolf, in Bewässerungstechnik für seinen Futteranbau investieren. Die Pumpe dafür, die mindestens vier Wochen im Jahr laufen müsste, um ausreichend Feuchtigkeit auf die Felder zu bringen, kostet mindestens 12 000 Euro und schluckt pro Tag 150 Liter Diesel. Noch zögert Wolf mit der Anschaffung, aber weniger Wasser bedeutet auch weniger Futter für seine Kühe. „Wenn man aber davon nicht mehr selbst genug erzeugt und zukaufen muss, dann kann man gleich zumachen“ , sagt Wolf.

Gefährliche Schnäppchenjagd
Bauernproteste wie die in Elsterwerda hält Wolf für berechtigt: „Diese Preise gehen an unsere Existenz.“ Rein wirtschaftlich gesehen müsste er eigentlich seine Angestellten entlassen, die Kühe abschaffen und auf weniger Fläche nur noch lukrativen Anbau betreiben. Aber Wolf hängt an seinen Kühen, kennt die Namen von vielen der 120 Tiere auswendig. Er will Milchbauer bleiben.
Einen schnellen Ausweg aus den Problemen sieht Joachim Wolf nicht. Es sei schon ein Teufelskreis, bekennt er etwas ratlos. Alle seien auf Schnäppchen aus, auch bei Lebensmitteln. Die marktbestimmenden großen Handelsketten würden deshalb entsprechenden Druck auf die Preise der Molkereien ausüben, die reichten den Druck an die Bauern weiter. Die gerade begonnene Umstellung der EU-Förderung bringe auch keine Lösung: „Künftig gibt es Fördergeld auf die Quote, egal ob die Milch überhaupt noch produziert wird oder nicht.“ Ohne EU-Förderung sei jedoch schon heute kein Milchbauernhof lebensfähig.
Die Politiker könnten die Landwirte entlasten, wenn es wie in anderen Ländern eine stärkere Befreiung von der Dieselsteuer gebe, sagt Wolf. „Letztlich geht es aber mit langfristigen Verbesserungen nur über den Verbraucher.“
Viele der rebellischen Milchbauern haben sich inzwischen im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter Nord e.V. (BDM) zusammengefunden, der auch die Proteste vor dem Campina-Milchwerk in Elsterwerda organisiert hat. Prinzip dabei ist, demonstriert wird weit weg vom eigenen Bauernhof und von der eigenen Molkerei, um Verträge nicht aufs Spiel zu setzen. Ziel der Aktionen: 35 Cent pro Liter Milch.
„Wir erwarten, dass die großen Molkereien sich zusammensetzen und Strategien entwickeln, um gegenüber dem Handel faire Preise auszuhandeln“ , sagt Dirk Huhne, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Verbandes. „Wenn es ein Mengenproblem gibt, soll man uns das sagen, wir sind bereit, uns da zu bewegen.“ Solange es keine Verbesserung gibt, werde es deshalb keine Zusicherung geben, dass die Proteste eingestellt werden: „Wir halten uns das offen.“