Hoch über dem Talkessel von Stuttgart liegt der Stadtteil Fellbach. Mittendrin ein großer Fachwerkbau, die "Alte Kelter". Einst wurde hier Wein gelagert, heute stehen auf dem Boden der Mehrzweckhalle die berühmten Papphocker des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Als am gestrigen Freitagmorgen die Redner das Gebäude betreten, geht ein Raunen durch den Saal. Thomas de Maizière (CDU), in Personalunion Bundesinnenminister, sächsischer Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Kirchentagspräsidiums, nimmt auf dem Podium Platz, ebenso Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen), Bundestagsvizepräsidentin und ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zwei Politiker, die beide tief in der evangelischen Kirche verwurzelt sind - und deren politische Positionen doch diametral entgegengesetzt sind.

Sogar als "Vorratsbeschluss"

So auch am gestrigen Freitag, als das Thema "Kirchenasyl" zur Debatte steht. Schon im letzten Herbst, als die EKD-Synode in Dresden tagte, hatte de Maizière kritisiert, dass immer mehr Kirchengemeinden ihre Türen für von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge öffneten - und in den Kirchen damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Und an der Position des sächsischen CDU-Politikers hat sich seitdem wohl nicht viel geändert: Das Kirchenasyl dürfe nur eine "Ultima Ratio der Barmherzigkeit" sein, sagt de Maizière und kritisiert, dass manche Gemeinden sogar einen "Vorratsbeschluss" in dieser Hinsicht fällen. Vereinzelte Buhrufe sind zu hören.

Göring-Eckardt dagegen erklärt, ihr sei kein einziger Kirchenasylfall bekannt, in dem leichtfertig gehandelt wurde. Kirchenasyl sei kein Rechtsbruch, sondern "man gibt dem Recht eine Chance". Immerhin gingen 95 Prozent aller Fälle positiv aus.

De Maizière ist nicht der einzige Politiker aus Sachsen, der beim Kirchentag präsent ist: Am gestrigen Freitag etwa war auch der SPD-Landesvorsitzende Martin Dulig in Stuttgart unterwegs. Auf einer Veranstaltung des "Zentrums Gender" sprach er über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Heute Staffelstab-Übergabe

Die Brandenburger dagegen haben auf dem Stuttgarter Kirchentag nur ein Thema: Die Vorbereitung auf 2017, wenn der Kirchentag in Berlin und Wittenberg zu Gast ist. Heute wird der Chef der Staatskanzlei, Rudolf Zeeb (SPD), in Stuttgart deswegen an der feierlichen Übergabe des Staffelstabs für das nächste Protestantentreffen teilnehmen, morgen wird Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) deswegen den Abschlussgottesdienst besuchen.

Und schon in diesen Tagen steht auf dem Stuttgarter Schillerplatz ein Zelt, das über die Planungen für den Kirchentag, aber auch über die Potsdamer Garnisonkirche oder die Städte mit historischen Stadtkernen im Land Brandenburg informiert. Und der Beauftragte für das Reformationsjubiläum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bernd Krebs, betont, dass der Kirchentag in Berlin und Wittenberg weit über die Grenzen der Bundeshauptstadt ausstrahlen werde. Auch der Süden Brandenburgs werde dann vom Protestantentreffen profitieren. "Und das Interesse daran ist schon heute groß."