Ronny Förster hat sich fein herausgeputzt. Fast ein wenig schüchtern wirkt der 32-Jährige, wie er da vor dem Büro des Quartiermanagementes auf der Berliner Straße steht.
Doch der Eindruck täuscht: Ronny Förster hat sich darauf vorbereitet, möglichst vielen Interessenten Einblicke über einen zumeist recht wenig beachteten Teil der Görlitzer Stadtgeschichte zu vermitteln: Die Gründerzeit.
„Mein Anliegen ist es, zu zeigen, dass die Görlitzer Geschichte nicht nur aus dem Mittelalter besteht“ , erklärt Ronny Förster. Dafür schlüpft er in die Haut eines Görlitzer Zeitungsredakteurs, der um das Jahr 1900 herum auf der Suche nach Neuigkeiten durch die Straßen der Stadt streift. Und da sich ein Lokalreporter berufsbedingt in seiner Stadt bestens auskennt, hat auch Ronny Förster allerhand Geschichten und Geschichtchen für seine Begleiter parat.
So zum Beispiel über einen heute recht unansehnlichen Hinterhof auf der Dr.-Friedrichs-Straße. „Hier befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der Machtzentren der Stadt Görlitz, denn hier arbeiteten die Redaktion und die Druckerei der Görlitzer Volkszeitung“ , erklärt Ronny Förster. Namen wie die des späteren Reichtagspräsidenten Paul Löbe oder des Reichskanzlers Herrmann Müller verbinden sich mit dem Blatt, denn beide arbeiteten hier als Redakteure. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Otto Buchwitz zählte zu den Bewohnern des Quartiers.
Weitere Geschichten ranken sich um das Einheitspreisgeschäft der jüdischen Handelskette Tietz auf der Berliner Straße oder um das Gebäude der Commerzbank, das besonders eindrucksvoll die typische, senkrecht ausgerichtete Architektur der Gründerzeit dokumentiert. Eines ist die Führung, die Ronny Förster unter das Motto „Kaiserbart und Rote Fahne“ gestellt hat, jedoch nicht: eine Sightseeing-Tour.
Die Anzahl der betrachteten Objekte hält sich in Grenzen, der junge Gründerzeit-Führer setzt mehr auf umfassende, vertiefende Informationen zu wenigen, ausgewählten Objekten, die auch zumeist gar nicht der Kategorie „Sehenswürdigkeit“ angehören. An den eingangs erwähnten Hinterhof an der Dr.-Friedrichs-Straße würde wohl kein Tourist ohne Hintergrundinformationen auch nur einen Blick verschwenden.
Auch der Radius der Führung ist eng bemessen Berliner Straße, Dr.-Friedrichs-Straße, Hartmannstraße, ein Stück Hospitalstraße und schließlich das Denkmal für das frühere Konzerthaus am Lutherplatz.
Hier erwartet die Führungsteilnehmer dann noch einmal Historie pur: August Bebel und Rosa Luxemburg sind hier gewesen, und für besonders gestresste Konzerthaus-Besucher gab es sogar einen Opiumkeller.
Als Ronny Förster seine Ausführungen beendet, verabschieden ihn seine Begleiter mit herzlichem Applaus. Mit seinem Angebot setzt der junge Görlitzer einen durchaus eigenen Akzent in der Vielfalt der in Görlitz angebotenen Stadtführungen.
Ronny Förster lädt zu seiner etwas anderen Stadtführung künftig jeweils am ersten und dritten Samstag eines jeden Monats ein. Treff ist um 10.30 Uhr vor dem Quartiermanagement, Berliner Straße 26.