„Der Plastinator-Teller läuft gut“ , sagt Doris Krüger. Schmalzstullen mit Zwiebeln, Bratenscheiben, Spiegelei und eine Dekoration aus Wiener Würstchen, dazu Salat. Mit ihrem Mann Thomas betreibt Doris Krüger eine Imbissgaststätte gegenüber dem Plastinarium in Guben. Von Freitag bis Sonntag, wenn die Ausstellung im Plastinarium geöffnet ist, wird im Imbiss serviert, um die Besucher zu beköstigen. Trotz vieler Kunden werfe das Geschäft jedoch noch keinen Gewinn ab, sagt Doris Krüger. Man müsse Geduld haben: „Doch es ist für uns erst mal ein zweites Standbein.“

Hoffnung auf den Aufschwung
So wie die Eheleute Krüger erhofften sich von Anfang an viele Gubener Arbeit, Aufträge und mehr Umsatz durch das Plastinarium. Für sie hat das Leichenverarbeitungs-Unternehmen einen Aufschwung in der Neiße-Stadt gebracht. Durch 105 neue Jobs und Handwerker-Aufträge für mehrere Millionen Euro in einer noch immer von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Region fühlen sich die Befürworter bestätigt. Bis auf 300 Mitarbeiter soll der Betrieb noch wachsen.
Kritiker wie Pfarrer Michael Domke aus Guben haben ihre Meinung nicht geändert. "Unsere Bedenken sind immer noch da", sagt er. "Denn im Plastinarium geht es um eine Abstumpfung und eine Verrohung der Gefühle, die Menschen beim Nahetreten an einen Toten haben." Von Hagens treibe den Tabubruch immer weiter voran.
Rund 66 000 Menschen haben nach Angaben von Hagens' die Ausstellung der präparierten Leichen in Guben in den ersten zwölf Monaten seit der Eröffnung besucht. Mehr als jeder Zweite davon kam aus mehr als 100 Kilometern Entfernung angereist. Jeder Zehnte hatte einen Medizin- oder Heilberuf. Doch vor zwölf Monaten hatte von Hagens noch mit insgesamt 100 000 Besuchern pro Jahr gerechnet. Der Plastinator gibt vor allem Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) die Schuld, dass es 34 000 weniger waren. Rupprecht hatte den Schulen des Landes untersagt, Ausflüge in die Leichenschau als Teil des Unterrichts zu unternehmen. Von Hagens vermutet deshalb bei ihm ein „undemokratisches Öffentlichkeits-“ und „DDR-nahes Obrigkeitsverständnis“ . Auf die wirtschaftliche Lage der Firma werden die dadurch fehlenden Eintrittsgelder jedoch kaum Einfluss haben. Das Plastinarium soll sich zum Großteil aus dem Verkauf der Körperscheiben von Mensch und Tier finanzieren. Mit der Serienproduktion dieser Plastinationsprodukte soll Anfang 2008 begonnen werden.
Gunther von Hagens hat nach eigenen Angaben bisher 9,5 Millionen Euro in den Umbau des Backsteingebäudes in der Uferstraße investiert, in dem früher das Gubener Rathaus untergebracht war. In dieser Summe seien auch die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter enthalten, so der 62 Jahre alte Anatom, der gern zu Superlativen greift. "Mit dem jetzt entstehenden Weltzentrum der Plastination wird Guben zur Stadt der anatomischen Wissenschaften", kündigte er vor wenigen Tagen in einer Mitteilung an. "Die ihr damit zuwachsende Internationalität passt zu ihrem Charakter als deutsch-polnische Grenzstadt".
In der Tat kommen wegen des Plastinariums deutlich mehr Touristen in die Stadt, wie Regine Schmidt von der Tourist-Information Guben (Spree-Neiße) berichtet. "Allerdings bleiben die wenigsten von ihnen über Nacht hier, viele reisen gleich weiter." Von den Besuchern profitierten vor allem die Gaststätten.
Der Landrat des Spree-Neiße-Kreises, Dieter Friese (SPD), differenziert bei der Bewertung des Plastinariums nach einem Jahr. „Rein wirtschaftlich muss man sagen, dass die Investitionen den Handwerkern von Guben und Umgebung zugute gekommen sind und ohne von Hagens würde der Gebäudekomplex noch so aussehen wie vor Jahren.“ Zu dem, was der Plastinator inhaltlich mache, könne man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein: „Ich bin aber froh, dass sich die Debatte gelegt hat.“ Wenn aber diskutiert werde, dann sachlicher als vorher.

Keine Normalität
Kerstin Nedoma, für die Linke im Gubener Stadtrat, hat sich bis heute nicht mit dem Plastinarium versöhnen können: „Für mich ist das keine Normalität und wird es auch nie werden.“ Durch sein Verhalten habe von Hagens sie in ihrer Meinung nur bestärkt. Im Spätsommer hatte der Plastinator entgegen früheren Ankündigungen begonnen, die Verarbeitung von Körpern für Ausstellungen von China an die Neiße zu verlagern. Für Nedoma geht es dem Anatomen nicht um Wissenschaft, sondern nur ums Geldverdienen und um Machtausübung. Durch das Zurschaustellen würden Menschen über den Tod hinaus manipuliert.
Der Plastinator hält seinen Kritikern den großen Zuspruch der Gubener Bevölkerung entgegen. Bisher hätten sich 552 Brandenburger zur Körperspende bereit erklärt, davon 83 aus Guben.
Für das nächste Jahr hat von Hagens schon viele Pläne. "Dann sollen die ersten Leichen von Körperspendern aus den nördlichen Bundesländern aufgenommen werden", kündigt er an. Im Juli soll außerdem in Heidelberg und Guben ein internationaler Plastinationskongress stattfinden. Fachleute wie Anatomen, Biologen, Pathologen, und Gerichtsmediziner sollen dazu eingeladen werden. Im kommenden Jahr will der Leichenpräparator auch seinen Wohnsitz in Guben nehmen.