Die Storchennester sind längst verlassen. Einige Dorfhunde bellen freudlos. Wer weiterfährt, landet am kalten Wasser der polnischen Ostsee. In Spätherbst und Winter ist Strzeszewo einer jener Orte, die das Ende der Welt markieren könnten. Und doch ist dieses Niemandsland 80 Kilometer nordwestlich von Danzig eine Kampfzone.

Der Versuch, am Rande des Dorfes zu parken und den Bohrturm auf dem Acker zu fotografieren, alarmiert den Werkschutz. "Was machen Sie da? Weg!", ruft ein Wachmann und eilt mit schweren Schritten auf den Fremden zu. Scheinwerfer leuchten das Gelände grell aus. Ein dumpfes Dröhnen dringt herüber. Das hitzige Gespräch endet, als sich Grazyna Mazanowska vom Dorf her nähert.

Wir sind verabredet. Der bullige Aufseher zieht sich zurück. "Die kennen mich und wissen, dass sie uns nicht von der Straße vertreiben dürfen. Sehen Sie! Jetzt beobachten sie uns vom Turm mit Ferngläsern", sagt die Frau mit den dichten dunkelblonden Haaren und der kraftvollen Stimme. Mazanowska ist Anfang 50. "Ich bin hier geboren und liebe meine Heimat", erklärt sie und schwärmt von dem Wasser und den Wäldern, über denen im Sommer Kraniche ihre Runden ziehen.

Doch noch zum Jahresende pressen die Arbeiter am Bohrloch LE-1 unter Hochdruck Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden, um in 4000 Meter Tiefe das Schiefergestein aufzubrechen und nach Gas zu suchen. Fracking nennt sich die umstrittene Fördermethode (siehe Infobox). "Alles ist unschädlich", zitiert Mazanowska einen Sprecher des verantwortlichen US-amerikanisch-britisch-polnischen Konsortiums Conoco-Philips/Lane Energy Poland.

Ist es das? Mazanowska hat im Dorf eine Bürgerinitiative gegründet. 120 Einwohner stimmten per Unterschrift dafür, nur drei dagegen. "Wir wollen wissen, was sie außer Wasser und Sand noch in unseren Boden pumpen", sagt die zweifache Mutter entschlossen und fragt: "Wie giftig sind die Substanzen? Ist unser Trinkwasser in Gefahr?"

Indizien für Gift und Tod

Am Turm brummen die Maschinen. In den Ohren der Regierenden in Warschau ist dieser Lärm Musik. Geologen haben in Polen große Vorkommen an Schiefergas ausgemacht. Optimistische Schätzungen gehen von zwei bis fünf Billionen Kubikmetern aus. Auf 100 Jahre hinaus könnte das Land damit seinen heutigen Energiebedarf decken. Aber auch die Exportchancen wären riesig.

In Europa werden größere Schiefergas-Vorkommen - außer beim Primus Polen - auch in Frankreich, den Niederlanden, der Ukraine, im Wiener Becken sowie in West-, Zentral- und Süddeutschland vermutet. In Berlin streiten Umwelt- und Wirtschaftsministerium um ein neues Rahmengesetz für das Fracking. Eine Entscheidung dürfte nach der Bundestagswahl im Herbst fallen.

Die Familie Mazanowska wohnt in einem flachen Mietblock am Rande von Strzeszewo, in Sichtweite des Bohrturms LE-1. "Wir sind nichts Besonderes, aber wir haben Rechte", sagt Mazanowska, die in einem Hotel an der Ostsee arbeitet. Sie schleppt einen Aktenordner herbei, der vor Papier überquillt. Er enthält die Dokumente der Bürgerinitiative "Gesunde Erde".

Aber Mazanowska hat auch Meldungen aus den USA gesammelt. Von Gift und Tod ist dort die Rede. In den Vereinigten Staaten wird Fracking seit einigen Jahren in großem Stil betrieben. Experten prophezeien der kriselnden Supermacht dank der umstrittenen Technik den Aufstieg zum größten Energieproduzenten weltweit. Für Berichte über gestiegene Krebsraten in den Förderregionen Pennsylvania und New York gibt es viele Indizien, aber bislang keine Beweise.

Den Menschen in Strzeszewo gehe es um Transparenz, erklärt Mazanowska. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen Gasförderung. Wir stellen nur Fragen, die niemand beantworten will. Warum dürfen wir keine Bodenproben am Bohrloch nehmen, wenn alles unschädlich ist? Stattdessen hören sie unsere Telefone ab. Das ist doch krank." Mazanowska verdächtigt den polnischen Inlandsgeheimdienst ABW, die widerspenstigen Bürger in Strzeszewo auszuspionieren. Auf Nachfrage bestätigen die Sicherheitsbehörden eine "laufende Überwachung" im Zusammenhang mit der Schiefergassuche.

Schiefergas als Allheilmittel

In Polen gilt der Energieträger als Allheilmittel. Gelingt die flächendeckende Förderung, könnte sich das Land vom heimischen Klimakiller Kohle und von russischen Erdgasimporten befreien. Auch der geplante Bau eines ersten polnischen Atomkraftwerks käme auf den Prüfstand. Die Regierung hat bereits 113 Konzessionen für Probebohrungen vergeben. 42 Anlagen wurden bislang installiert, meist an abgelegenen Orten wie in Strzeszewo.

Mit Widerstand war dort kaum zu rechnen. Doch Politiker und Unternehmen haben nicht mit den Urgefühlen der Menschen gerechnet. "Wir haben Angst", sagt Mazanowska. Vor dem Gift und vor Spionen. Lokale Medien melden, dass die Bohrlochbetreiber Spitzel zu Veranstaltungen der Bürgerinitiative schicken und im Stil der Stasi "IM-Berichte" verfassen lassen. Das ist erklärungsbedürftig.

Die Angst bleibt

Eine Vertreterin von Lane Energy Poland zeigt sich im Dezember zunächst zu einem Gespräch bereit. Wenig später rudert sie jedoch zurück. Die US-Firma Conoco-Philips sei Mehrheitseignerin der Bohrkonzession in Strzeszewo und damit für die Medienarbeit verantwortlich. Im Übrigen seien "wegen des Winters praktisch alle Arbeiten eingestellt" worden.

Tatsächlich liegt Bohrloch LE-1 in diesen Januartagen brach. "Vor Weihnachten haben sie alles abgebaut und sind mit ihren schweren Lastern davongefahren", berichtet Mazanowska. Geblieben ist ein Wachhäuschen. Geblieben ist auch die Angst, dass es sich nur um die Ruhe vor dem Sturm handeln könnte. In Strzeszewo geht die Furcht vor einem Fracking-Fieber wie in Pennsylvania um. Viel hängt vom Ergebnis der Probebohrungen ab. "Die Firmen haben versprochen, uns darüber zu informieren. Gehört haben wir bislang nichts", sagt Mazanowska.

John McLemore, der Sprecher von Conoco-Philips, verweist auf RUNDSCHAU-Anfrage auf die eleganten Internetseiten des Unternehmens. Dort ist viel von Grundwasserschutz die Rede. Auf die Fragen, die Mazanowska stellt, bleibt McLemore die Antworten schuldig. Die Mischung des Chemiecocktails, der beim Fracking zum Einsatz kommt, bleibt ein Betriebsgeheimnis.

Der leidenschaftliche Widerstand der Bürger von Strzeszewo gegen die Giganten der Gasindustrie wirkt in diesen kalten Januartagen ähnlich surreal wie das verlassene Wachhäuschen am Bohrloch LE-1 in der polnischen Winterlandschaft. "Sie werden alles versuchen, uns als Fanatiker abzustempeln", prophezeit Mazanowska. Es ist ihr egal. Die Angst ist stärker. Wenn Arbeiter, Wächter und Spitzel zurückkehren, wird sie weiterkämpfen. Der TV-Sender Arte widmet dem Thema Fracking einen Themenabend. Am Dienstag, 29. Januar, um 20.15 Uhr wird die Sendung "Schiefergas, Segen oder Fluch?" ausgestrahlt.

Zum Thema:
Alles begann mit dem perfekten Knick im Bohrgestänge. Zur Jahrtausendwende entwickelten Ingenieure in den USA ein Verfahren, mit dem Trägergestein in Tiefen bis zu 10 000 Meter horizontal durchbohrt und erschlossen werden kann. In den Sedimenten, meist Schiefer, lagert Gas. Um es zu fördern, kommt die umstrittene Fracking-Technik zum Einsatz. Der Name leitet sich vom englischen "to fracture" ab - aufbrechen.Unter hohem Druck werden Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen. Das Gas kann entweichen. Allerdings kann niemand garantieren, dass dies ausschließlich kontrolliert geschieht. Das Umweltbundesamt (UBA) hat in einer Studie zum Fracking die größten Risiken aufgelistet. Die teils hoch giftigen Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden, könnten das Trinkwasser verseuchen. Kenner der Szene gehen davon aus, dass US-Firmen Salzsäure, Benzol und andere krebserregende Stoffe einsetzen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) widerspricht dem UBA. Umweltverträgliches Fracking sei möglich. Oberflächennahes Trinkwasser stehe mit dem Tiefengestein "meist nicht in Verbindung". Unstrittig ist, dass die Fracking-Förderung extrem flächenintensiv ist. Der Schiefer muss immer wieder an neuen Stellen "angezapft" werden. Im Schnitt sind sechs Bohrungen pro Quadratkilometer nötig. Ganzen Landstrichen drohe damit die Zerstörung, sagen Kritiker.