Der Sündenbock zählt in der Tierwelt des Orients zu den besonders interessanten Gattungen. Im vorchristlichen Jerusalem jagte der Hohepriester alljährlich einen Ziegenbock in die Wüste, um damit die Sünden des Volkes symbolhaft zu vertreiben, wie dem Alten Testament zu entnehmen ist. Am anderen Ende dieser Wüste, im Irak, ist die Suche nach dem Sündenbock von heute in vollem Gange. Die USA haben erkannt, dass ihr Einsatz am Golf in einer tiefen Krise steckt. In Washington melden sich inzwischen Politiker zu Wort, die den Irakern selbst die Schuld an dem Chaos geben. Gegen den uralten Bruderzwist zwischen Schiiten und Sunniten könne die US-Armee nichts ausrichten, sagen sie.
Besonders Ministerpräsident Nuri el Maliki gerät in die Rolle des Sündenbocks. US-Vertreter lassen den Verdacht anklingen, dass es dem Schiiten Maliki an Willen oder an Einfluss fehle, das grausame Treiben verbündeter Schiitenmilizen gegen die sunnitische Minderheit zu beenden. So äußerte sich der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident George W. Bush, Stephen Hadley, in einem internen Memo. Doch Böcke haben spitze Hörner: Ein für Mittwochabend in Jordanien geplantes Treffen von Bush und Maliki wurde kurz nach Bekanntwerden von Hadleys Lagebeurteilung abgesagt - auf irakischen Wunsch, wie US-Diplomaten einräumen. Nach einem Treffen gestern enthielt sich Bush dann angesichts der peinlichen Lage jeder öffentlichen Kritik an Maliki.
In Washington hingegen nehmen führende Politiker kein Blatt vor den Mund. Der designierte Vorsitzende des Streitkräfteausschusses, der demokratische Senator Carl Levin, sagt: "Wir können nicht die Iraker vor sich selbst schützen." Er will, dass "wir die Verantwortung für Iraks Zukunft denen geben, denen sie gehört: den Irakern." Der republikanische Senator Lindsey Graham lässt tiefe Enttäuschung über die Iraker anklingen: "Zu mir kommen ständig Leute und sagen, egal, was wir im Irak machen, die Iraker sind einfach unfähig, ihre Probleme mit politischen Mitteln zu lösen."
Selbst Bush hat sich bereits frustriert über den unkontrollierten schiitisch-sunnitischen Konflikt gezeigt. "Die Amerikaner haben nicht die Absicht, in einem Religionsstreit Position zu beziehen oder sich in die Schusslinie rivalisierender Fraktionen zu stellen", unterstrich er im Oktober. Der Frust in Washington zeigt den Abgrund zwischen der selbst ernannten Befreiungsmacht USA und den Befreiten im Irak.
Experten zweifeln am Erfolg der US-Strategie, die irakische Regierung und vor allem Maliki persönlich in die Pflicht zu nehmen und ihnen mehr Verantwortung für die Sicherheitslage aufzubürden. "Diese ganze Idee, dass Druck auf Maliki Ergebnisse bringen kann, führt in die Irre", sagt der Politikanalyst Justin Logan vom Cato-Institut in Washington. Die Botschaft aus dem Weißen Haus an Maliki überfordere die Iraker: "Die größte Supermacht der Erde schafft es hier nicht und jetzt brauchen wir euch, um uns hier aus dem Chaos rauszuholen."
Der Sicherheitsexperte Robert Hunter, ein früherer Berater von Bill Clinton, sieht die Schuldzuweisungen als "faule Ausrede". Den Irakern solle die Verantwortung zugeschoben werden, damit sich die USA mit einem blauen Auge aus einem unpopulären Krieg zurückziehen können.