Womöglich kommt es gar nicht so sehr auf das Programm an. Sondern auf den Vornamen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Linker zu sein, erhöht sich für Frauen, wenn sie Helga heißen. Bei den Männern ist es Genosse Wolfgang. Das war eine der Erkenntnisse des Parteitags der Linken in Brandenburg, als sie sich in der vergangenen Woche zusammenfanden, um über die Koalition mit der SPD zu entscheiden. Wolfgang und Helga waren die häufigsten Vornamen unter den Mitgliedern, die an der Abstimmung teilnahmen.

Helga und Wolfgang haben einen Lauf: Nie stand "Die Linke" so gut da wie heute. Nicht, was die Stimmen der Wähler betrifft. Wohl aber die Machtanteile, die sich die Linken in den Bundesländern Brandenburg und Thüringen in diesen Tagen sichern. Vom "elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde", wie es der Liedermacher Wolf Biermann bei der Gedenkstunde zum Mauerfall im Deutschen Bundestag den Linken zurief, ist auf der ostdeutschen Landesebene nicht viel zu sehen.

In Brandenburg durchlitt die Partei einen Stimmeneinbruch von fast zehn Prozent - aber sie darf die rot-rote Regierung mit der SPD fortsetzen. Einziger Wermutstropfen: Es wird ein Ministerium weniger sein. Umso kraftvoller bewegen sich die Sozialisten, die zum Teil in der Sozialistischen Einheitspartei der DDR sozialisiert wurden, durch die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen in Thüringen. "Historisch", umschreiben es einige Parteimitglieder, Frontmann Gregor Gysi spricht von einem "Sprung in der Entwicklung" .

Nicht alle sind angekommen

Von "Sprüngen in der Entwicklung" sprachen auch gerne die Wirtschaftsexperten der DDR, wenn es darum ging, in der materiellen Armseligkeit falsche Hoffnungen zu schüren. Ende der 50er-Jahre zum Beispiel setzte das "antikapitalistische Bollwerk" zu einem "großen Sprung" an - und landete 1961 an einer Mauer, die die Ökonomie über Jahrzehnte von der Wohlstandsentwicklung im Westen Deutschlands abkoppelte. Die kürzlich aufgeworfene Frage des Präsidenten Joachim Gauck, "ja, was ist denn diese Partei nun wirklich?", führte zu reflexartigen Empörungswellen im Lager der Linken. Aber ist sie deshalb weniger berechtigt? Viele mögen angekommen sein in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Aber nicht alle.

Weil sie auf einem fernen Planeten leben, wo die Sonn' ohn' Unterlass scheint. Sie nennen sich Kommunisten und sind es auch. Sie feiern sich als einzige "Anti-Kriegspartei" und warnen vor den parteiinternen Kräften, die jene zurückdrängten, "denen die programmatischen roten Haltelinien für Regierungsbeteiligungen etwas gelten".

Dieser Teil der Linken gefällt sich in einem Stil, der Erinnerungen an das untergegangene DDR-Regime wach ruft. In einer Rede des früheren SED-Mitglieds Friedrich Rabe im April 2014 ist die Rede von den "ungezügelten Marktkräften", denen Tür und Tor noch nicht geöffnet waren, "als die Sowjetunion, die DDR und andere Staaten noch existierten". In dieser guten alten Zeit taucht die DDR im Redetext urplötzlich als "unschätzbar wertvolle Erfahrung" auf, als "antikapitalistische und somit zivilisatorische Alternative", die am Ende der Ausführungen post mortem noch eine Weihe verliehen bekommt, die an einen Rechtsstaat erinnern könnte. "Die Legitimität des gewesenen Sozialismus muss verteidigt werden, wenn man einem zukünftigen Sozialismus nicht a priori das Existenzrecht absprechen will."

Ganz ähnlich die jungen Wilden: Wer die DDR kaum noch selbst erlebte und sich in der Linkspartei engagiert, hat seine politische Sozialisation vor allem in Studentengruppen an den Hochschulen erlebt. So wie der kürzlich in den Bundestag nachgerückte Potsdamer Abgeordnete Norbert Müller: Er sorgte für Aufsehen, als er in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter den Bundespräsidenten als "Kriegshetzer" bezeichnete. Und dass er den vom Verfassungsschutz beobachteten Verein "Rote Hilfe" finanziell unterstützt, sorgte in Potsdam für einen veritablen Skandal. Die Abschaffung des Verfassungsschutzes gehört deswegen zu den klassischen Forderungen jüngerer Vertreter der Ost-Linken.

Die andere Seite

Doch es gibt auch eine ganz andere Seite der Linkspartei: In der brandenburgischen Vorgängerregierung stellten die Linken den Wirtschaftsminister. Ralf Christoffers verhalf seiner Partei zu einer erstaunlichen Anerkennung in Gesellschaftskreisen, die nicht unbedingt unter dem Verdacht stehen, mit den Linken zu sympathisieren. "Er hatte immer ein offenes Ohr für Unternehmer", erklärt zum Beispiel der Hauptgeschäftsführer der Cottbuser Industrie- und Handelskammer, Wolfgang Krüger. "Er ist ein Marktwirtschafter, der die Mechanismen des Marktes nicht infrage stellt." Ähnlich sieht Manager Karl Heinz Tebel jenen Mann, der über Jahre die Wirtschaftspolitik Brandenburgs bestimmte. Der Geschäftsführer des Lausitzer BASF-Standortes beschreibt Christoffers als "zuverlässig" und "pragmatisch". Doch das Wirtschaftsministerium, das den Linken erlaubte, ihre Reife in Sachen Marktwirtschaft unter Beweis zu stellen, fällt in der neuen Regierung der SPD zu. Stattdessen bekommen die Linken das Sozialministerium, wo sie sich auf ihre Weise als Kümmerer profilieren wollen. Denn mit Wirtschaftspolitik lassen sich nur wenig linke Wählerstimmen werben. Weswegen Brandenburgs Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident Christian Görke auf dem Landesparteitag in Potsdam auch programmatisch wurde: "Unser tägliches Handeln in einer Regierung orientiert sich an den Begriffen Freiheit, Gleichheit und Solidarität, an Frieden und sozial-ökologischer Nachhaltigkeit."

Gleichzeitig erleben die Linken ihre "historische" Chance in Thüringen, die weit über das hinausgeht, was ein Wirtschaftsministerium in "Klein-DDR", wie Brandenburg im Westen gerne genannt wird, hinausgeht. Ein Ministerpräsidentenamt! Damit geht aber zugleich die Zerreißprobe in der Partei weiter. Denn aus Sicht der Kommunistischen Plattform dürfte in Erfurt mehr als nur eine "programmatische rote Haltelinie für Regierungsbeteiligungen" überschritten werden.