"Unsere Mitglieder dürfen frei ihre Meinung äußern - wir sind schließlich keine Einheitspartei",
 Thomas Jurk, Vize-Regierungs- und SPD-Landeschef


Kostprobe 1: Ende voriger Woche wirft der für den Aufbau Ost zuständige Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD) Milbradt "eine Verharmlosung des Rechtsradikalismus" vor. Seine Äußerungen zum Angriff auf acht Inder seien "absolut inakzeptabel". CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer nennt Tiefensee darauf hin einen "populistischen Schwätzer", der "bis heute nicht in Mügeln gewesen" sei. Sein SPD-Pendant Dirk Panter kontert schließlich ebenso wenig zimperlich. "Ich rate Herrn Kretschmer erst zu denken, dann zu reden."
Kostprobe 2: Im Streit um den Notverkauf der Landesbank wirft SPD-Mann Karl Nolle Milbradt vor, über die Krisen der Sachsen LB stets bestens informiert gewesen zu sein, der Ministerpräsident sage mithin die Unwahrheit. Diesmal antwortet Kretschmer gar, Nolle werde "mit seinen hassgetriebenen Dauerattacken zu einer Belastung für die Koalition".
Das sehen nicht nur viele Christdemokraten so, sondern auch einige Genossen in der SPD. Die halten sich jedoch derzeit mit Kritik zurück, da man um ein Bild der Geschlossenheit bemüht ist. "Unsere Mitglieder dürfen frei ihre Meinung äußern - wir sind schließlich keine Einheitspartei", sagt SPD-Chef Thomas Jurk. Auch gestern hielt man sich in der SPD-Spitze vornehm, aber zähneknirschend mit neuen Attacken zurück. Dabei ist der nächste Krach schon programmiert.
Wenn SPD-Fraktionschef Cornelius Weiss am kommenden Freitag seinen Rücktritt erklärt, wird eine geharnischte Kritik an der CDU und seinem Vorsitzenden erwartet, die das Koali tionsklima kaum verbessern dürfte. Der interne Zeitplan der Fraktion sieht dabei vor, dass bereits eine Woche später - am 21.September - ein Nachfolger von Weiss gewählt werden soll. Als aussichtsreichster Anwärter gilt dabei der Parlamentarische Geschäftsführer Martin Dulig.
Für Milbradt bietet die ewig schwelende Zwietracht der Koalition aber auch Chancen. Zwar wird die Regierungsfähigkeit des Bündnisses immer wieder in Zweifel gezogen. Zugleich aber kann sich der angeschlagene Parteichef auf Kosten des ungeliebten Partners mit scharfen Attacken profilieren. Schließlich nehmen viele Christdemokraten die Koalition mit der SPD bis heute nur als notwendiges Übel hin. Sie ärgern sich täglich aufs Neue über die als lästig empfundene Zusammenarbeit.
Bis zum Parteitag kann sich Milbradt noch bemühen, ein wenig an der Basis zu punkten. Etwa bei der Grundsteinlegung eines neuen Solarzellen-Werkes heute in Bischofswerda. Aber die Stunde der Wahrheit schlägt dann am Sonnabendvormittag in der Dreifeldsporthalle am Schwanenteich von Mittweida, wo sonst Schulen und Vereine zum Sport erscheinen, "De Randfichten" spielen oder Reptilienschauen stattfinden.
In der Dresdner CDU-Parteizentrale wartet man jedenfalls gespannt, ob es Milbradt mit giftigen Tieren in den eigenen Reihen zu tun bekommt - oder die Appelle zur Geschlossenheit von CDU-Granden wie Thomas de Maizière und Steffen Flath, Heinz Eggert und Matthias Rößler an der Basis weitgehend Gehör finden. Abgestimmt wird schließlich geheim - und Überraschungen, so sagen die Strippenzieher - sind weder bei Milbradt noch in seiner Partei ausgeschlossen.
Die sächsische Landesgruppe der CDU-Bundestagsfraktion stellte sich jedenfalls demonstrativ hinter den Regierungschef. "Georg Milbradt genießt unser Vertrauen, wir - die sächsische CDU - wollen mit ihm an der Spitze weitermachen", erklärte Landesgruppen-Chef Michael Luther gestern in einer Mitteilung. Ministerpräsident Milbradt sei "der Richtige für Sachsen" und Garant für stabile Verhältnisse im Freistaat.