Als sich kürzlich eine Frau in einem Brief in der örtlichen Presse empörte, dass sich die Stadt über ihr negatives Image als Rechtsextremismus-Hochburg nicht zu wundern brauche, mache sie doch viel zu wenig für Kinder und Jugendliche, fackelte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) nicht lange. Sie nahm Kontakt zu der Frau auf und vereinbarte für den heutigen Freitag ein Treffen in ihrem Büro. Für Findeiß ist es ihr Metier. Bevor sie vor drei Jahren ins Rathaus zog, war sie 14 Jahre Sozialbürgermeisterin. „Wir tun mehr als manch andere Stadt“, sagt sie.

Findeiß erinnert an die Absicherung der Schulsozialarbeit aus städtischen Eigenmitteln, an die jährlich 25 000 Euro für das Bündnis für Demokratie und Toleranz oder an die Streetworker.

Aber diese sozialen Pluspunkte der Stadt, die wirtschaftlich vor allem von der Ansiedlung von VW Sachsen profitiert hat, interessieren momentan nicht. Seit dem 4. November ist alles anders: An diesem Tag ist eine Doppelhaushälfte in der Frühlingsstraße explodiert. Es entpuppte sich als Versteck jahrelang mordender Rechtsterroristen. Im Schutt wurden Beweise gefunden: Klamotten, Waffen, Bekenner-DVD.

Nun sitzen Neonazis in Untersuchungshaft, die Bundesanwaltschaft ermittelt. Offenbar zehn Jahre lang versteckte sich der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in wechselnden Zwickauer Wohnungen, davor lebte die Gruppe wohl auch in Chemnitz.

Das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos stammt eigentlich aus Thüringen. Aber alle sprechen von der Zwickauer Zelle. „Da mache ich den Medien überhaupt keinen Vorwurf. Man muss das Geschehen örtlich einordnen. In Zwickau haben die Täter nun mal lange gewohnt“, sagt Findeiß. Was nichts daran ändert, dass sich der Fall „enorm zum Nachteil für das Image der Stadt auswirkt“.

Findeiß macht keinen Hehl daraus, dass sie sich dabei durch das Land Sachsen im Stich gelassen fühlt. Nur auf Innenminister Markus Ulbig (CDU) lässt sie nichts kommen. Er ging als Pirnas Stadtoberhaupt gegen Rechtsextremismus vor und hat Zwickau bereits finanzielle Unterstützung zugesagt. „In Thüringen erlebe ich, dass sich dort ein ganzer Freistaat engagiert gegen Rechtsextremismus, angefangen von der Ministerpräsidentin. Dort habe ich das Gefühl, alle stehen zusammen“, fügt sie hinzu.

Mit einer Anzeigenkampagne wehrte sich Thüringen auch in überregionalen Blättern gegen den Ruf als braunes Land – unter dem Titel „Gesicht zeigen – Thüringen gegen Nazis“. Ob Zwickau 2012 mit Sachsens Hilfe eine ähnliche Kampagne lostreten kann, ist unklar. Ein Nein habe sie aber nicht gehört, sagt Findeiß. Für sie ist klar: „Zwickau hat ein rechtes Problem, wie jede Stadt in Ost und West in vergleichbarer Größe auch.“

Der Trümmerhaufen, der einst als Unterschlupf des Terrortrios in Zwickau diente, soll 2012 abgerissen werden, um die angrenzende Park-Anlage auszubauen.