UdoHorn kann den Tod seines Sohnes bis heute nicht begreifen. Vorallem lassen ihn die Zweifel leiden, dass André keineÜberlebenschance bei dieser besonders heimtückischen Form derGehirnhautentzündung hatte, weil die Krankheit nach seinerÜberzeugung durch Bundeswehrärzte zunächst nicht erkannt wurdeund die Behandlung mit Antibiotika dadurch zu spät einsetzte. Erist überzeugt, dass die Bundeswehr den Vorgang im FeldlagerPrizren bis heute nicht vorbehaltlos aufgeklärt hat. VomBundesverteidigungsministerium wird das bestritten. Es gebe, auchunter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher undmedizinischer Erkenntnisse, kein Anhaltspunkt für eineSorgfaltspflichtverletzung von militärischen Vorgesetzten oderbehandelnden Bundeswehrärzten, heißt es in einem Schreiben.

Widersprüche über Krankheitsablauf
So eindeutig scheint die Sache nicht zu sein. Vor allem dieBundestagsabgeordnete Ursula Lietz (CDU) aus Nordrhein-Westfalendrängt darauf, dass sich der Verteidigungsausschuss nochmals mitdem Geschehen an dem tragischen Januartag vor drei Jahrenbeschäftigt. „Ich habe das Gefühl, vom Ministerium nicht dierichtigen Antworten auf meine Fragen zu bekommen“ , sagt Lietz.Auch Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat sieeingeschaltet.
Es geht vor allem um Widersprüche zwischen der offiziellenKrankenakte und Aussagen von medizinischem Personal. Fest steht,dass André Horn am 31. Januar 2000 morgens gegen 8.30 Uhr denArzt wegen Fieber und Übelkeit aufsuchte. Er wurde mit Verdachtauf Magen-Darm-Infektion ins Feldlazarett eingewiesen. Meningitiswurde am Vormittag ausgeschlossen. Gegen 15.15 Uhr habe Andréaufstehen und zur Toilette gehen wollen, ist in einemBundeswehrbericht festgehalten. Dabei sei es zum spontanenStuhlabgang gekommen, er wurde bewusstlos. Gegen 16.30 Uhrstellte man erste Einblutungen fest, heißt es weiter. Um 17.45Uhr wurde der junge Mann aus Neupetershain auf dieIntensivstation verlegt, wo er kurz vor Mitternacht verstarb. Derehemalige Sanitäter Duncan Frantz, der inzwischen aus derBundeswehr ausgeschieden ist, sagt heute etwas ganz anderes.Danach war André Horn bereits mittags bewusstloszusammengebrochen. Nach seinen Angaben war das gegen 13 Uhr. „AlsHerr Horn nach dem Kollaps wieder im Bett lag, konnte ich in denEllenbeugen und an den Fußrücken die ersten Einblutungenerkennen. Ich informierte den Arzt. Im Laufe meiner Schichtnahmen die Einblutungen ständig zu und der Allgemeinzustandverschlechterte sich rapide“ , so der Ex-Sanitäter. In einerAussage während seiner aktiven Dienstzeit hatte er einen solchenZusammenbruch des Patienten allerdings ausgeschlossen. Warum,dazu wollte er sich nicht äußern. Seine jetzige Aussage stimme,versicherte er gegenüber der RUNDSCHAU. Auch bei zwei Ärzten, dieden Ablauf später rekonstruierten, finden sich Hinweise, dassAndré Horns Gesundheitszustand viel eher sehr dramatisch war. MitAntibiotika, mit denen der Kranke vielleicht hätte gerettetwerden können, wurde er zu dieser Zeit aber nicht behandelt.
Den Kollaps am Mittag negiert die Bundeswehr. Es gebe „keinekonkreten Hinweise für ein solches Ereignis“ , erklärt derstellvertretende Ministeriumssprecher Hannes Wendroth gegenüberder RUNDSCHAU. Dass der Kollaps in Berichten von Dritten erwähntwurde, sei durch einen „telefonischen Übermittlungsfehler“entstanden.

Erneut Strafanzeige gestellt
„In der Krankenakte gibt es einen Hinweis auf einen Kollaps amMittag nicht. Sonst wären wir viel früher auf den gekommen“ ,bestätigt Horns Anwalt, Klaus Lübke. Er verlangt von derBundeswehr, ihn nunmehr die gesamten Gesundheitsunterlagen zurVerfügung zu stellen, weil die bisher vorgelegten Dokumentationennach den Zeugenaussagen nicht mit den Gegebenheiten vor Ortübereinstimmen, so Lübke. Der Anwalt will gegen die Ärzte, die inder fraglichen Zeit im Feldlazarett in Prizren Dienst hatten,erneut Strafanzeige stellen. Ein Ermittlungsverfahren gegen einenArzt hatte die Staatsanwaltschaft Regensburg allerdings im Mai2001 eingestellt.
Der Lausitzer Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg (SPD)verlangt von der Bundeswehr eine „rückhaltlose Aufklärung“ .Darauf habe die Familie Horn ein Recht. Vor allem müsse geprüftwerden, warum mit der richtigen Behandlung möglicherweise zu spätbegonnen wurde. Vielleicht wären die Heilungschancen nur umwenige Prozent höher gewesen, doch man hätte sie nutzen müssen,so Stephan Hilsberg. „Wenn es Versäumnisse gab, muss geklärtwerden, wer dafür die Verantwortung trägt“ , fordert er.
Es gibt weitere Ungereimtheiten. So existiert ein Vordruckzettelmit Datum vom 20. Januar. Darauf ist unter der Labornummer 301,der Registriernummer von André Horn, Meningitis notiert. NachAngaben des Bundesverteidigungsministeriums sei der 20. Januar2000 lediglich das Datum, an dem das Blankoformular ausgedrucktwurde. Das sei dann am 31. Januar für die laborinterne Erfassungvon Proben verwandt wurde, die von André Horn genommen wordenwaren.
Die Bundestagsabgeordnete Ursula Lietz als Mitglied imVerteidigungsausschuss befürchtet, dass die Glaubwürdigkeit derBundeswehr beschädigt wird, wenn nicht alle Zweifel ausgeräumtwerden und der Eindruck bestehen bleibt, dass möglicherweiseetwas vertuscht werden soll.
Udo Horn jedenfalls will nicht locker lassen. „Das habe ichmeinem Sohn am Grab versprochen“ , sagt er.