Bei der Polizei geht am Freitagabend ein Notruf einer Autofahrerin ein, dass an der Brücke der B 169 nahe dem Güterbahnhof Senftenberg ein Mann in den Gleisen steht. Er laufe in Richtung Sedlitz. "Wir haben umgehend Beamte vor Ort geschickt. Doch sie kamen zu spät", sagt die Pressesprecherin der Polizeidirektion Cottbus Ines Filohn. Ein Beamter hätte mit ansehen müssen, wie sich der Mann das Leben nahm.

Über die persönlichen Sachen hatten die Polizisten jenen 28-jährigen polnischen Staatsbürger identifiziert, der Polizei und Bundespolizei seit Dienstag bereits zweimal am Cottbuser Bahnhof aufgefallen war. Zunächst wollte er ein Auto vom Parkplatz am Bahnhof stehlen. Dabei ging er äußerst brutal vor, stieß einen zehnjährigen Jungen aus dem parkenden Pkw auf die Straße und flüchtete.

Nur weil der Täter die Handbremse des älteren Fahrzeugmodells nicht lösen konnte, gelang es der Bundespolizei mithilfe einer weiteren Polizeistreife, den Flüchtigen nach etwa zwei Kilometern zu stellen.

Trotz der besonderen Skrupellosigkeit, die er bei dem versuchten Autodiebstahl an den Tag legte, sah die Staatsanwaltschaft keinen Grund, den Mann in Untersuchungshaft zu nehmen. Oberstaatsanwältin Petra Hertwig erklärte gegenüber der RUNDSCHAU: "Wenn keine weiteren Haftgründe vorliegen, wie etwa Flucht- oder Wiederholungsgefahr, dann wird keine Untersuchungshaft angewiesen."

Der Mann blieb aber auch zwei Tage später auf freiem Fuß, nachdem er zwei Bundespolizisten mit Diensthund tätlich angegriffen hatte. Die Beamten hatten den Mann aufgefordert, einen abgestellten Zug zu verlassen, in dem er möglicherweise übernachten wollte. Als ihn die Beamten letztlich hinderten, in einen anderen abgestellten Zug einzusteigen, trat er erst dem Diensthundeführer ans Schienbein und schwang dann die Fäuste in Richtung des zweiten Beamten.

Wie Bundespolizeisprecher Thorsten Peters erklärte, konnte selbst der Einsatz des Diensthundes den Angreifer nicht davon abhalten, auf die Beamten loszugehen. Letztlich habe nur noch der Einsatz von Pfefferspray "den aggressiven Mann stoppen können". In der Rückschau fragt sich, ob Staatsanwaltschaft und Bundespolizei die Delikte nicht im Zusammenhang betrachtet haben. War der Mann möglicherweise psychisch krank? Die Staatsanwaltschaft betont, dass sie mit dem zweiten Fall gar nicht befasst gewesen sei. Und weitere Haftgründe wie Flucht- oder Wiederholungsgefahr hätten es nach den Ermittlungen wegen räuberischen Diebstahls und Bedrohung nicht gegeben.

Die Bundespolizei hatte laut Thorsten Peters unterdessen im zweiten Fall ein Strafverfahren gegen den Mann wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Hausfriedensbruch aufgenommen. Auf den Gedanken, dass mit dem Mann aufgrund der Auffälligkeiten etwas nicht in Ordnung sein könnte, ist niemand gekommen. Am Freitag ist Peters in der RUNDSCHAU allerdings noch mit den Worten zitiert: "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ist kein Haftgrund."