Hitzige Debatten sind aus dem Plenarsaal des Bundestages zu hören. Es geht um anonymisierte Bewerbungen, Einwanderungsströme, die Verbesserung des Tierschutzes und die Erweiterung der Europäischen Union für einen Balkanstaat - Themen, die im Bundestag für viele Diskussionen sorgen. Überzeugend legen die Redner ihre Argumente dar. Zwischenfragen der anderen Fraktionen sollen sie aus dem Konzept bringen. Es sieht aus wie ein ganz normaler Tag im Bundestag. Und doch ist alles anders.

Denn bekannte Politiker sieht man heute nur selten. Stattdessen füllen 315 junge Gesichter den Plenarsaal. Für vier Tage schlüpfen sie beim Planspiel "Jugend und Parlament" in die Rolle eines Bundestagsabgeordneten und lernen, was zum Politikerdasein alles dazugehört.

Mit dabei sind die Cottbuser Jari Schaller und Max Schlegel. Beide gehören für die Parlamentssimulation der fiktiven CVP an. Sie entspricht der CDU. Die Parteizugehörigkeit wird ausgelost. Denn der 19-jährige Jari Schaller ist eigentlich seit 2011 Mitglied der Linksjugend in Cottbus. "Es ist alles viel anstrengender, als man es sich vorstellt", sagt er.

Für das Planspiel versetzt er sich in die Rolle eines 50-jährigen Bankkaufmanns, der in der Fraktion zu Finanzthemen berät. Die neue Identität anzunehmen, falle ihm nicht schwer. Bis in die Nacht hinein diskutieren sie in den Ausschüssen über die Gesetzesentwürfe, schlagen den fiktiven Oppositionsfraktionen PSG und ÖSP - in Anlehnung an die Parteien Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen - Kompromisse vor und bereiten die Debatten für den nächsten Tag vor. Freizeit bleibt da nur wenig.

"Politiker kann ein undankbarer Job sein. Es steckt viel Arbeit dahinter. Und nur ein Bruchteil davon wird von der Öffentlichkeit wahrgenommen", gibt der Abiturient seine Erfahrungen wieder. Außerdem müsse man viel Kritik einstecken und auf die anderen Fraktionen zugehen können, so der 17-jährige Max Schlegel. Er tritt im Bundestag als Moritz Eulenburg auf - ein 47-jähriger Ingenieur, der ein großes Chemie-Unternehmen leitet. In Wirklichkeit ist der Gymnasiast in der Jungen Union aktiv und engagiert sich außerdem im Landesschülerrat.

Für die Zukunft könne er sich eine politische Laufbahn durchaus vorstellen. "Die Arbeit im Landtag ist für mich durchaus denkbar. Alles Weitere werde ich abwarten", sagt er. Denn die Arbeit als Bundestagsabgeordneter sei eine ganz andere Ebene. Das ist mit Kommunalpolitik nicht zu vergleichen. Es wird viel diskutiert und manchmal lange über Kleinigkeiten gestritten. Die Opposition hat es da gegen die fiktive CVP mit fast der Hälfte der Sitze nicht leicht.

"Ist das nicht manchmal deprimierend?", fragen sich daher nicht wenige Jugendliche. Antwort darauf und auf weitere Fragen geben die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Nadine Schön (CDU/CSU), Carola Reimann (SPD) und Dietmar Bartsch (Die Linke) sowie die Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen). In einer Diskussionsrunde stehen sie den Nachwuchspolitikern Rede und Antwort, geben Tipps für gute Reden und erklären, dass Zwischenfragen nicht unbedingt störend seien, sondern die Debatten erst richtig beleben.

"Jetzt sehe ich die Aufgaben aus einem ganz anderen Blickwinkel und weiß das viel mehr zu würdigen", ergänzt Jari Schaller. Bundestagsabgeordneter möchte er dennoch nicht werden. "Es ist wichtig, dass es sie gibt. Aber für mich ist das nichts", sagt er.

Zum Thema:
Der Deutsche Bundestag veranstaltet jedes Jahr die Parlamentssimulation "Jugend und Parlament". Seit 1981 gibt es das Planspiel, in dem Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren unter realen Bedingungen die Abläufe im Bundestag simulieren. Sie bilden Expertengruppen, beraten sich in Ausschüssen und versuchen, für die Abstimmung am Ende die Mehrheit für sich zu gewinnen. Entsandt werden die Jugendlichen von Bundestagsabgeordneten aus ganz Deutschland.