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| 02:38 Uhr

Zwei Lausitzer als Täter im Holocaust

An diesem Tisch wurden die Details des Holocausts geplant. Heute ist die Villa am Berliner Wannsee eine Gedenkstätte.
An diesem Tisch wurden die Details des Holocausts geplant. Heute ist die Villa am Berliner Wannsee eine Gedenkstätte. FOTO: dpa
Cottbus. Es war ein einzigartiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit: der Holocaust, die Vernichtung von sechs Millionen Juden Nazi-Reich. Bürokraten planten den Massenmord am Tisch der Wannsee-Konferenz. Unter den Tätern waren auch zwei Lausitzer. Bodo Baumert

15 Männer sind es, die am 20. Januar 1942 in einer Villa am Wannsee in Berlin zusammenkommen, hochrangige Vertreter der Nazi-Regierung und der einzelnen Ministerien, die in die "Endlösung" involviert sind. Eingeladen hat SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der von Hermann Göring mit der Planung der "sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage" beauftragt wurde. "Wannsee war keine Entscheider-Konferenz", erläutert Hans-Christian Jasch, Direktor der Gedenkstätte im Haus der Wannsee-Konferenz. Sie ist aber ein wichtiger Meilenstein - und ein gut dokumentierter dazu. Es gibt die Einladungen, es gibt das Protokoll und weitere Dokumente. Wer hat was zum Massenmord an den Juden beigetragen? Für die Wannsee-Konferenz, der weitere Beratungen auf niederer Ebene folgten, ist das bestens dokumentiert.

Lange, der " Praktiker"

Aus Lausitzer Sicht sind es vor allem zwei Männer, die aus dem Teilnehmerkreis hervorstechen. Der eine ist Rudolf Lange, SS-Sturmbannführer und Befehlshaber der Sicherheitspolizei im eroberten Lettland. "Er war als Praktiker der Vernichtung an der Konferenz beteiligt", erläutert Jasch. Der 1910 in Weißwasser geborene und in Guben zur Schule gegangene Jurist war zuvor bereits an der Ermordung von rund 60 000 Juden beteiligt, kommandierte selbst Mordeinsätze am Stadtrand Rigas.

Neumann, der Schreibtischtäter

Ein ganz anderer Charakter war Erich Neumann. Der in Forst geborene Jurist und Volkswirtschaftler machte in der der NS-Hierarchie Karriere. In Wannsee war er als "klassischer Schreibtischtäter" dabei. "Er bleibt bei der Konferenz ein bisschen blass", sagt Jahn. Das überrasche aber nicht. "Es ist auch aus anderen Sitzungsprotokollen bekannt, dass Neumann sich selten zu Wort meldet", erläutert der Historiker Ingo Löppenberg, der sich mit Neumann intensiv befasst hat. Als Vertreter Görings bei der Konferenz regte Neumann an, "dass die in kriegswichtigen Betrieben im Arbeitseinsatz stehenden Juden derzeit nicht evakuiert werden" - so die verharmlosende Formulierung im Beamtendeutsch. Aufgrund dieses Kommentars versuchte Neumann nach dem Krieg, seine Rolle im NS-Regime kleinzureden. "Was Neumann allerdings gerne verschwieg, war der Nebensatz ‚solange noch kein Ersatz zur Verfügung steht'", sagt Löppenberg. Denn Neumann sei es als Wirtschaftsfachmann in erster Linie um die Arbeitskraft der Juden gegangen - solange bis Zwangsarbeiter aus dem Osten für die Arbeit in den Fabriken zur Verfügung standen.

Dennoch gelang es Neumann, die Alliierten nach dem Krieg von seiner vermeintlichen Unschuld zu überzeugen. Er geriet zwar in Gefangenschaft, war aber wegen eines bereits 1944 erlittenen Herzinfarkts stark geschwächt. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er aus der Haft entlassen und nicht angeklagt. In den folgenden Jahren arbeitete Neumann noch als Berater in der Wirtschaft, ehe er 1951 starb.

Anders das Schicksal Langes. Der SS-Mann wusste, dass er Blut an den Händen hatte und für seien Taten zur Rechenschaft gezogen würde. Im Angesicht der Niederlage beging er deshalb im Februar 1945 Selbstmord in Posen.

Behördensprache zeitlos

Ist das alles Geschichte? Gerät es in Vergessenheit? "Nein", sagt Gedenkstättenleiter Jasch. Die Besucherzahlen in Wannsee steigen stetig. Auch aus dem Ausland gebe es mehr Gäste. "Die Behördensprache der Wannsee-Konefrenz ist zeitlos", sagt Jasch. Völkermorde würden auch heute nach ähnlichem Muster geplant. Zum 75. Jahrestag im kommenden Jahr plant die Gedenkstätte eine neue Biografie der handelnden Personen, in der auch Langes und Neumanns Werdegang neu aufbereitet werden soll.

Den Geburtsstätten der Täter rät Jasch, mit dem Erbe sachlich umzugehen. "Wir sollten immer auch im Auge behalten, welche Lebensläufe es sind, an deren Ende sie zu Tätern wurden."

Zum Thema:
Für den heutigen Mittwoch lädt die Gedenkstätte zu einer Podiumsdiskussion im Schiller-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg ein. Ab 18 Uhr soll dort der "Völkermord durch Massenerschießungen in Osteuropa" thematisiert werden - und damit auch die Rolle Rudolf Langes.