Wenn Diana Tietz aus Cottbus morgens zur Arbeit fährt, ist sie meist schon eine halbe Stunde vor Schichtbeginn im Dienstzimmer ihres Wohnbereiches. Diana Tietz ist Pflegekraft in der Seniorenresidenz Sanzeberg, einem Haus im Cottbuser Stadtteil Sandow. 37 Betten, fast alle in Einzelzimmern, stehen im Wohnbereich Zwei zur Verfügung, 34 sind gerade belegt. "Drei Bewohner sind vorübergehend im Krankenhaus", sagt Diana Tietz. Früher, da seien oft auch jüngere Menschen - Anfang 70 - eingezogen, die körperlich und geistig noch sehr rege waren. "Jetzt kommen sie oft erst, wenn es fast schon zu spät ist." Wenn der körperliche Verfall weit fortgeschritten ist und Demenz das Eingewöhnen schwer macht. "Fast alle unsere Bewohner leiden unter Demenz", erzählt die Pflegerin. Für sie gehört es längst zum Alltag, dass die Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat, sich nicht an ihren Namen erinnern können oder nicht mehr wissen, wie man Zahnbürste oder Waschlappen benutzt.

Seit zehn Jahren arbeitet die Cottbuserin in der Seniorenresidenz. Vorher war sie Stenotypistin, dann Politesse. Aus der Arbeitslosigkeit kam sie an ein vierwöchiges Praktikum am Sanzeberg. "Jetzt sind daraus zehn Jahre geworden." Die Leitung des Hauses hatte sich nach dem Praktikum gefragt, ob sie bleiben wolle. "Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Arbeit liegt." Also absolvierte sie noch vier Monate Schwesternschule und blieb. Aus Überzeugung.

Ihr e Kollegin Gudrun Paulick, im ersten Beruf Erzieherin, kam vor elf Jahren ebenfalls über ein Praktikum ans Haus. "Ich war sehr gespalten", erinnert sie sich. "Ich war mir sehr unsicher, ob ich das alles schaffe mit den Menschen hier. Die körperliche Nähe, die emotionalen Belastungen." Doch schon nach kurzer Zeit war ihr klar: "Das hier ist genau mein Ding."

Beiden Frauen fällt es nicht leicht, genau zu erklären, was so schön ist an einem Beruf, der sehr eng mit Schmerzen und Verfall, mit Trauer und Tod verbunden ist. Doch wenn man ihnen zusieht, wie sie über die Flure ihres Wohnbereichs laufen, dann spürt man, warum sie sich wohlfühlen in ihrem Arbeitsalltag. Wo immer sie einem Bewohner - meist sind es Bewohnerinnen - begegnen, wird angehalten. Eine kleine Umarmung, ein Streicheln, ein kleiner Gruß. "Dafür ist immer Zeit", sagt Gudrun Paulick. Manche Menschen wohnen über Jahre hier, wachsen den Pflegerinnen ans Herz. "Man entwickelt enge Beziehungen, kennt jeden Bewohner mit Eigenarten, Schwächen, Bedürfnissen", erzählt Diana Tietz.

Die Menschen kommen sich nahe hier. Die Pflegerinnen müssen Waschen und Windeln wechseln, Fingernägel schneiden, Haare kämmen, beim Anziehen helfen. Nicht jeder kann diese Nähe zulassen, gerade Demenzpatienten macht der Kontakt zu Fremden oft Angst. Andere sind Einzelgänger, wollen Abstand und Distanz. "Auch das müssen wir respektieren", sagt die Pflegerin. Wer gerade einen schlechten Tag habe, sich nicht anziehen wolle oder keine Lust aufs Waschen habe, den müsse man erstmal in Ruhe lassen. "Wir gehen dann für eine Weile aus dem Zimmer oder schnappen auf der Dachterrasse Luft", so Gudrun Paulick. Nicht immer ist es leicht, in einem hektischen Arbeitsalltag mit Zurückweisung klarzukommen. Das Team hilft in solchen Momenten, und immer auch die anderen Bewohner, die sich mit einem Lächeln, einer Geste oder auch nur einem Blick bedanken für Zuwendung und Hilfe. Lilli Thomalla, 81, ist so ein Freudenquell. Seit vier Jahren lebt sie in der Residenz, engagiert sich im Heimbeirat und feiert begeistert alle Feste mit. "Das Leben hier ist schön", sagt sie. "Meistens. An guten Tagen." An schlechten Tagen ist sie angewiesen auf die Hilfe der Pfleger.

Neben der Körperpflege sind Diana Tietz und ihre Kolleginnen für das Wohlbefinden der Bewohner verantwortlich. "Wir bringen sie zu den Mahlzeiten, reichen das Essen und Trinken." Das Wort "Füttern" ist verpönt, ebenso wie jede Form der Verniedlichung. "Wir sind in der Erwachsenenpflege, gehen respektvoll miteinander um." Das fängt beim höflichen Siezen an, geht über das "Bitte" und "Danke" sagen und reicht bis zu den Mahlzeiten, wo erst dann gegessen wird, wenn alle Bewohner im Speiseraum Platz genommen haben. Keine leichte Aufgabe, bei alten Menschen, die einfach mehr Zeit für ihre Wege brauchen. Die manchmal nicht mehr genau wissen, warum sie überhaupt an einem Tisch sitzen. "Viele unserer Bewohner leben in ihrer eigenen Welt", mussten die Pflegerinnen lernen. Manche wollen einfach nur nach Hause, wollen ihre Kinder von der Schule abholen oder sehnen sich nach Mutter und Vater. Herzzerreißende Momente. Haben die Pflegerinnen dann die Zeit, Tränen zu trocknen und Ängste zu lindern? "Ja", sagen beide. "Dafür muss die Zeit reichen." Wem es schlecht geht, der bekommt die Zuwendung, die er braucht, andere Bewohner müssten dann schon mal warten.

In der Seniorenresidenz am Sanzeberg wird im Personalschlüssel gearbeitet, immer sind Pflegekräfte und Pflegefachkräfte in ausreichende Zahl in den Wohnbereichen. In anderen Häusern kann es anders zugehen. Da muss dann zwischendurch abgewaschen oder geputzt werden, die Zeit für die Pflege fehlt. "Trotzdem gucke ich mir keine Sendungen über schlechte Heime an", sagt Gudrun Paulick. Das würde sie nur deprimieren. Ihre Berufswelt sei in Ordnung, trotz aller Belastungen. Körperlich anstrengend ist der Beruf, da nützen auch die modernen Hilfsmittel nicht immer.

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Sterben. Wer ins Heim kommt, der zieht nicht mehr um. Der bleibt, bis er stirbt. Manchmal nach wenigen Tagen oder Wochen, manchmal nach Jahren. Ein Mensch, den man gewaschen und eingecremt hat, von dem man seine Lieblingsspeise kennt und seine Albträume. Ein Mensch, mit dem man ein Stück Leben geteilt hat. "Wenn das Ende absehbar ist, begleiten wir unsere Bewohner auf ihrem letzten Weg", sagt Diana Tietz. Da wird getröstet und zugehört, die Hand gehalten und zum letzten Mal das Lieblingsessen gekocht. Angehörige können auf Wunsch bei den Sterbenden bleiben, sich in Ruhe verabschieden. Wenn alles vorbei ist, gehen auch die Pfleger noch einmal zu den Verstorbenen. "Wir sprechen dann, berühren sie noch einmal, nehmen Abschied", sagt Gudrun Paulick. Sonst könne man den Tod nicht verarbeiten. Auch auf Beerdigungen gehen die Pflegerinnen regelmäßig, natürlich nur, wenn die Angehörigen einverstanden sind. "Wir hatten eine Bewohnerin, die war wie ein Schmetterling", erzählen die Frauen. Zur Beerdigung nahmen beide einen Schmetterling mit und legten ihn ins Grab. "Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut", sagt Diana Tietz, den Tränen nah. Irgendwie sei es so, als würden die Bewohner niemals ganz verschwinden. "Wir erinnern uns an sie, sprechen von ihnen und lachen immer wieder über lustige Sachen, die wir zusammen erlebt haben." Ein Schatz an Anekdoten, Erinnerungen an gemeinsame Feste und Ausflüge, an kleine Gespräche am Rande. Diane Tietz und Gudrun Paulick sind ins Erzählen gekommen. Wer ihnen zuhört, weiß plötzlich sehr genau, warum sie ihren Beruf lieben. "Weil er unsere Berufung ist ."

Zum Thema:
Die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen und Brandenburg hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.In Brandenburg galten im Jahr 2003 rund 69 000 Menschen als pflegebedürftig. 18 689 Menschen waren in 286 Pflegeheimen untergebracht. Im Jahr 2011 gab es bereits 400 Heime, die 25 156 Pflegebedürftige betreuten. Insgesamt waren 2011 knapp 99 000 Brandenburger auf Pflege angewiesen.In Sachsen liegen Zahlen aus den Jahren 2001 bis 2011 vor. 2001 waren im Freistaat rund 119 000 Einwohner auf Pflege angewiesen, zehn Jahre später waren es schon 138 000. In Heimen wurden 2001 rund 33 000 Menschen betreut, 2011 waren es 48 700.