ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:41 Uhr

Zuwanderung nimmt kräftig zu – nicht nur Flüchtlinge kommen

Erst rechnete er mit 400 000 im Jahr, dann korrigierte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) die Zahl der für 2015 erwarteten Flüchtlinge im August auf 800 000 nach oben. Real werden es wohl rund eine Million sein, wie der Minister am Mittwoch bekannt gab. 476 649 davon stellten bisher einen Asylantrag. Werner Kolhoff

Wie sind die Zahlen einzuschätzen?
Sie sind ungenau, zeigen aber dennoch die Größenordnung des Zustroms, den es so seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Deutschland noch nicht gegeben hat. 1,1 Millionen Flüchtlinge wurden 2015 im Erfassungssystem der Länder zur Verteilung der Flüchtlinge registriert. Doch diese Easy-Datei enthält Doppelerfassungen, auch bleiben nicht alle Registrierten in Deutschland, sodass es laut de Maizière real weniger - etwas unter einer Million - sein werden.

Woher kommen die Flüchtlinge?
Unter den erstregistrierten Flüchtlingen liegt Syrien mit 40 Prozent als Herkunftsland vor Afghanistan (14 Prozent) und Irak (elf Prozent). Sorgen macht den Behörden, dass in den vergangenen Wochen die Zahl der Marokkaner und Algerier sprunghaft angestiegen ist, jeweils auf zuletzt rund 3000 im Monat. Auch in der Statistik der 2015 offiziell gestellten 476 649 Asylanträge führen die Syrer mit 34 Prozent, rund 162 000 Anträge. Hier folgen die Balkanländer Albanien (11,5 Prozent) und Kosovo (acht Prozent). Insgesamt kamen 144 000 Asylanträge von Menschen aus Balkanländern, fast 30 Prozent. Allerdings ging die Zahl in den vergangenen Monaten des Jahres stark zurück, bei der Erstregistrierung sogar auf zwei Prozent. Denn die Flüchtlinge aus dieser Region haben praktisch keine Chance auf eine Anerkennung. Null Prozent beträgt die Quote der echt Asylberechtigten unter ihnen, nur 0,1 Prozent die Quote jener, die subsidiären Schutz genießen, also vorübergehend bleiben können. Wie haben die Behörden über die Asylanträge entschieden?
Es gibt einen riesigen Entscheidungsstau von rund 360 000 Anträgen. Hinzu kommen diejenigen, die ihren Antrag bisher noch gar nicht stellen konnten, etwa eine halbe Million. Manche müssen allein darauf ein halbes Jahr warten. Ziel der Bundesregierung ist es, die Bearbeitungszeiten zu verkürzen; das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bekommt dafür 2016 rund 4000 zusätzliche Mitarbeiter. Bis zum Sommer wolle man den Antragsstau abgebaut haben und wieder "vor der Welle" sein, sagte der Innenminister. Von den 282 726 Anträgen, die 2015 beschieden wurden, wurden 137 136 Personen als Kriegsflüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt, also rund die Hälfte. Asylberechtigt im Sinne einer direkten politischen Verfolgung waren jedoch nur 2029 Personen (0,7 Prozent). Syrer wurden zu 95,8 Prozent als Flüchtlinge akzeptiert, Eritreer zu 88,2 Prozent, Iraker zu 86,4 Prozent und Afghanen noch zu 28,6 Prozent. 32,4 Prozent der Anträge wurden abgelehnt, 17,8 Prozent erledigten sich auf andere Weise, etwa durch Rücknahme. Wie entwickelt sich die sonstige Zuwanderung?
Am Mittwoch verabschiedete das Kabinett den Migrationsbericht für 2014; aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor. Demnach hatte die Zuwanderung schon vor der Flüchtlingswelle zugenommen, auf 1,46 Millionen. Nur 1992, als viele Russlanddeutsche und Balkanflüchtlinge kamen, war die Zahl höher. Allerdings verließen im Jahr 2014 auch 914 000 Menschen Deutschland, ebenfalls ein Rekord. Unter dem Strich gab es einen Wanderungsgewinn von 550 000 Menschen. Die meisten davon kamen aus EU-Ländern, Polen an der Spitze. Auch Italiener und Spanier zog es nach Germania. Die umfangreiche Statistik enthält einige überraschende Details, zum Beispiel, dass 2014 mehr Menschen aus Deutschland in die Türkei zogen als umgekehrt, nämlich 4100. Oder dass von den Nicht-EU-Ländern Indien mit 3920 Einreisen "zur Ausübung einer Beschäftigung" noch vor den USA (3644) liegt. Migrationsbericht 2014 unter www.bamf.de .

Aktuelle Flüchtlingszahlen unter www.bmi.bund.de