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Zurück in der Fremde – wie abgeschobene Afghanen leben

Kabul. Drei Männer sprechen über ihre Pläne, es irgendwie nach Deutschland zurück zu schaffen. Der Anschlag in Kabul erfüllt sie mit Horror – und Hoffnung. Christine-Felice Röhrs und Mohammed Jawad

Für den Mittwoch hatte Arasch Alokosai einen Besuch bei der deutschen Botschaft geplant. Alokosai wollte hören, ob es schon weitergegangen ist mit seinem großen Plan, nach Deutschland zurückzukehren. Aber dann hat er verschlafen, und das war sein Glück, denn es war der Tag, an dem vor der Botschaft eine Bombe explodierte, die 90 Menschen getötet und 460 verletzt hat.

Alokosai (21) aus Nürnberg, Badam Haidari (34) aus Würzburg und Matiullah Asisi (22) aus Hanau waren alle länger als fünf Jahre in Deutschland. Damit gehören sie zur Mehrheit jener, die derzeit abgeschoben werden. Vielen von ihnen scheint etwas gemeinsam: Sie sind nach Kabul abgeschoben worden, aber nicht so recht angekommen. Sie misstrauen Afghanistan, dem Kriegsland, weichen ihm aus und konzentrieren sich oft auf Pläne und Hoffnungen, nach Deutschland zurückzugelangen.

Für Arasch Alokosai ist die große Hoffnung die Hochzeit mit seiner polnischen Freundin in Deutschland. Alokosai, ein gedrungener junger Mann mit Fußballerhaarschnitt, mit schicken Turnschuhen und Lederjacke, ist clever, schnell und spricht gut Deutsch. Es seien jetzt alle Papiere beim Standesamt in Nürnberg und bei der deutschen Botschaft, sagt er. Er hat einen Brief mitgebracht, der ihm sagt, dass die Bearbeitung der Dokumente mindestens vier Monate dauert. "Ich warte jetzt noch solange", sagt Alokosai. "Aber wenn das mit der Hochzeit und der legalen Rückreise nach Deutschland nicht klappt, dann bleibe ich keine Minute länger." Er meint: Dann macht er sich auf die zweite Flucht nach Deutschland. Er will sein "freies Leben" zurück, die Verlobte, die Ausbildung als Karosseriemechaniker, die ihm beim Praktikum mal versprochen worden war.

Für Matiullah Asisi hatte es nicht schlecht angefangen in Kabul. Er macht jetzt eine Ausbildung zum Mentor für Rückkehrer aus Europa bei einer deutsch-afghanischen Organisation. Ipso bietet Afghanen psycho-soziale Beratung an. Asisi verdient 200 Euro und soll bald anderen Abgeschobenen mit den Traumata der Flucht helfen.

Asisi hat sich verändert. Der schicke Haarschnitt ist weg, ersetzt von einem klassischen Schnitt und Bart. Der Onkel, bei dem er außerhalb von Kabul lebt, erlaubt ihm keine Extravaganzen mit dem Haar. Es ist eine konservative Familie in einer von Islamisten bevölkerten Gegend. Er könne da aber auch nicht weg, sagt Asisi, weil auch die Geschwister da sind, für die er verantwortlich ist. Für eine Wohnung in der Stadt hat er kein Geld.

Badam Haidari, ein großer, etwas schwerfälliger Mann, der sieben Jahre lang in Würzburg gelebt und bei Burger King gearbeitet hat, ist ein anderer Fall. Er ist wie gelähmt. Er hat keinen Plan, keine Arbeit, dafür ein paar Hundert Euro Schulden, geliehen für Essen und Zigaretten. Seit Monaten lebt er bei einem alten Herrn, einem Bekannten des Vaters eine Stunde außerhalb der Stadt am Fuß der Berge. In seine Heimatprovinz kann er nicht - aus eben den Gründen, die ihn veranlasst hatten, das Land zu verlassen.

Haidari stammt aus Gasni im Osten, heute eine der unsichersten Gegenden in Afghanistan. Er hat früher als Wächter bei der US-amerikanischen Entwicklungshilfsbehörde USAID gearbeitet. Dann gingen in seinem Dorf zwei Cousins zu den Taliban. Für die sind die Amerikaner der Feind. Sie hassten Haidaris Job. Immer öfter gab es Streit. Drohungen. Zum Schluss Gewalt. Haidari floh. Er bringt einen Brief der Taliban mit. Es ist schwer zu sagen, ob der Brief echt ist. Unter Flüchtlingen werden solche Schreiben oft schwunghaft gehandelt, als Garant für Aufmerksamkeit im Asylverfahren. Haidari hat den Brief schon nach Deutschland geschickt, zu einem Anwalt.