"In Schweden gibt es keine Akzeptanz für fossile Brennstoffe", sagt Arne Mogren mit Nachdruck in der Stimme. Der Experte für Energiepolitik sitzt an der Stirnseite des Tisches. Bis vor einigen Jahren arbeitete er beim Staatskonzern Vattenfall, dem bekanntlich die Braunkohlentagebaue in der Lausitz gehören. Heute beraten er und "Global Utmaning" schwedische Politiker aller Parteien. Auf der anderen Seite des Konferenztisches sitzen die Fraktionsvorsitzenden der SPD-Landtagsfraktionen in Brandenburg und Sachsen, Klaus Ness und Martin Dulig. Zusammen mit dem Bundestagsabgeordneten Ulrich Freese (SPD) sind sie nach Stockholm gereist, um sich über die Energiepolitik der neuen rot-grünen Minderheitsregierung Schwedens zu informieren. Denn nach der Reichstagswahl im September hatten die Schweden angekündigt, die Braunkohlepläne von Vattenfall zu stoppen. "Wir wollen verstehen, was die politische Klasse denkt", sagt Ness. "Wir wollen erfahren, was die Schweden über die Situation in der Lausitz wissen", sagt Dulig.

"Ich kann mir vorstellen, dass Vattenfall irgendwann seine deutschen Betriebe verkauft", sagt Arne Mogren. "Aber die energiepolitische Diskussion kann noch viele Jahre dauern." Eine Aussage, die die deutschen Besucher vielfach hören. Doch die Lausitzer Kohle stünde nicht im Zentrum der schwedischen Debatte: "Es geht um die Kernkraftwerke", erklärt Mogren. Rund 46 Prozent des schwedischen Stroms werden nach Angaben des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) in Kernkraftwerken erzeugt, 51 Prozent durch erneuerbare Energien.

Kohle oder Gas spielen keine Rolle. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Löfven für einen Ausstieg aus der Kernenergie ist", sagt der Energieexperte der Gewerkschaft IF Metall, Per Öhmann. Aber was heißt das für die Lausitz? Die Antworten bleiben vage. "Dass Vattenfall auch in Deutschland aktiv ist, spielt in der schwedischen Debatte kaum eine Rolle", äußert dagegen Haakan Bengtsson, der Chef der schwedischen Arenagruppen - einer Organisation, die etwa der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Deutschland entspricht. "Man sieht die Energiepolitik vor allem in einer internen schwedischen Perspektive."

Spätestens seit der Reichstagswahl gibt es allerdings Bestrebungen, das zu ändern. Deutsche Besuchergruppen geben sich in Stockholm die Klinke in die Hand. Der Streit um die Zukunft der Lausitzer Kohle wird nach Schweden verlagert. Am Tag des Besuchs der deutschen Sozialdemokraten berichten schwedische Zeitungen über den am Montag von Lausitzer Kommunalpolitikern verfassten Brief, der die Skandinavier auffordert, an ihren Plänen zum Kohleausstieg festzuhalten. Die deutschen SPD-Politiker bemühen sich dagegen, den Eindruck zu zerstreuen, die ganze Lausitz sei gegen die Kohle. Und noch mehr: "Was würde denn passieren, wenn in Schweden bekannt wird, dass eine Entscheidung der Landesregierung dazu führt, dass in Deutschland Tausende Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren?", fragt Ulrich Freese.

Selbst bei dieser Frage bleiben die Skandinavier zurückhaltend. Die schwedischen Sozialdemokraten und ihr Umfeld vermitteln den Eindruck, dass man sich über die Zukunft der Braunkohle in Brandenburg und Sachsen bislang kaum Gedanken gemacht hat. Jedenfalls weit weniger, als es von deutschen Umweltverbänden zuweilen kommuniziert wird. "Es wird keine schnelle Entscheidung geben", sagt etwa der Reichstagsabgeordnete und Wirtschaftspolitiker Ingemar Nilsson. "Wir werden Wert darauf legen, dass das Unternehmen nicht beschädigt wird." Schließlich seien die Fehlinvestitionen Vattenfalls in den niederländischen Energieversorger Nuon den Skandinaviern noch in guter Erinnerung.

Kurz vor der Rückreise nach Berlin besuchen die Sozialdemokraten schließlich noch die Vattenfall-Zentrale in Stockholm. Hinter verschlossenen Türen findet das letzte Gespräch des Tages statt. "Die Politik in Brandenburg und Sachsen hat ihre Hausaufgaben gemacht", bilanziert Klaus Ness. Im Gespräch mit Vattenfall habe man deutlich gemacht, dass die Lausitz bis zum Ende des Jahres Investitionsentscheidungen braucht. "Und das haben unsere Gesprächspartner wohl verstanden", sagt Ness. "Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst."

Zum Thema:
Ein Zivilprozess des Energiekonzerns Vattenfall gegen die Umweltorganisation Greenpeace um 22 500 Euro Schadenersatz geht weiter. Am Dienstag verkündete die zuständige Kammer einen Beschluss, wonach zwei Mitarbeiter von Vattenfall als Zeugen geladen werden sollen. Vor einem Jahr hatten sich neun Greenpeace-Aktivisten an die Gleise der Kohlebahn in der Nähe des Tagebaus Welzow-Süd gekettet, um gegen neue Tagebaue zu protestieren. Die Polizei löste die Aktivisten mit schwerem Gerät von den Gleisen. Der Kohlebahnbetrieb war auf diesem Abschnitt einen Tag lang gestört. Für dadurch entstandene zusätzliche Kosten des Unternehmens macht Vattenfall Schadenersatzansprüche geltend. Greenpeace lehnt die Zahlung ab. Die beiden Zeugen sollen nun erklären, wodurch die mutmaßlichen Zusatzkosten entstanden sind und ob sie unvermeidbar waren. Das Verfahren wird Anfang März 2015 fortgesetzt. sim