"Ich heiße Müller. Das ist ein Ü wie in Mühle. Ich weiß, ein schwieriger Buchstabe. Sagt mal alle Müller." Rolf Müller ist in seinem Element. Der pensionierte Lehrer aus Friedrichshain sitzt vor fünf polnischen Schülern des Privatgymnasiums in Zary und übt mit ihnen die deutsche Aussprache. Gerade Umlaute wie Ü oder Ö sind für Polen besonders schwierig auszusprechen. Deshalb hört sich "Müller" dann auch eher wie "Miller" an. Dass der 71-Jährige sich selbst nicht gut auf Polnisch verständigen kann, das stört keinen der 16-Jährigen. Die Teenager schmunzeln eher über den temperamentvollen Deutschen, der ganz ungezwungen mit ihnen plaudert. Dabei könnte er ihr Großvater sein.

Unterricht in Fünfer-Gruppen Paulina, Bartek, Michal, Grzezek und Janek lernen seit drei Jahren Deutsch als zweite Fremdsprache. Sechs Stunden pro Woche sind dafür eingeplant. Das gehört zum Standard im Nachbarland. Doch im Unterschied zum staatlichen Gymnasium in Zary werden sie in Fünfer-Gruppen unterrichtet. "Nur so kommen die Kinder auch dazu, sprechen zu müssen", erklärt Renata Podbielska, Deutschlehrerin und stellvertretende Direktorin der Privatschule. Das Konzept geht auf. Rolf Müller kann sich mit den fünf 16-Jährigen problemlos über die Eiszeit am Beispiel des Grünen Berges in Zary unterhalten, vor allem weil sich die wissenschaftlichen Begriffe im Deutschen und Polnischen sehr ähneln. Der Lausitzer Heimatforscher ist begeistert. "Wisst ihr, wo Forst liegt?", fragt Rolf Müller und zeigt auf eine Deutschland-Karte an der Wand. Michal kennt die Lausitzer Rosenstadt, denn er war schon mit seinen Eltern dort. Doch Cottbus ist den Jugendlichen eher geläufig, vor allem von Einkaufstouren.

Das Privatgymnasium in Zary wirkt nicht wie eine Nobelschule. Nur den Autos und den Anzügen der Abiturienten ist anzusehen, dass die insgesamt 330 Schüler aus wohlhabenden Familien stammen. Die Eltern sind Lehrer, Geschäftsleute oder Anwälte, die Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder legen und deshalb etwa 80 Euro Schulgeld im Monat bezahlen. Für die fünf Schüler ist auch klar, dass sie einmal studieren werden. Michal will Betriebswirtschaft in Wroclaw (Breslau) studieren, Grzezek Fischkunde in Poznan (Posen), Paolina, Bartek und Janek wissen noch nicht was.

"Was heißt Zukunft auf polnisch?", fragt Rolf Müller. "Przyszlosc", antwortet Bartek. "Oh weia" fällt dem Lausitzer dazu nur noch ein, als er versucht, das Wort auszusprechen. Doch er gibt schnell auf, das ist ihm dann doch zu viel Zungenakrobatik. Der 71-Jährige hat sich zwar bemüht, in Volkshochschulkursen polnisch zu lernen, bislang ist aber wenig hängengeblieben.

Vor allem die Aussprache der Zischlaute macht ihm wie vielen Polnischlernenden große Schwierigkeiten. Deshalb behilft der pensionierte Lehrer sich meist mit seinen noch recht guten Russischkenntnissen, wenn er mit Deutsch nicht weiter kommt. Seit vielen Jahren pflegt er die Kontakte zur Schule, gibt immer mal wieder als Gast eine Unterrichtsstunde.

Laut Renata Podbielska viel zu selten, denn sie möchte, dass ihre Schüler möglichst viel Sprachpraxis bekommen. Für ein Jahr arbeitete sogar ein Deutscher als Lehrer an der Schule. Doch es blieb bei einem Zwischenspiel. Von "Dieter, dem Radfahrer" ist nur ein großes Steckbrett für die Unterrichtsplanung übrig gelieben.

Vielleicht wird sich das aber bald ändern. Immerhin regte vor kurzem die polnische Botschafterin Irena Lipowicz an, arbeitslose deutsche Lehrer nach Polen zu schicken, um Deutsch zu unterrichten. "Unsere Kommunen brauchen Lehrer für Deutsch", sagte die Beauftragte der Warschauer Regierung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Wenn beide Länder etwa über eine Auslandszulage zusammenlegten, sei es möglich, zehntausenden jungen Deutschen ein Jahr in Polen zu schenken, damit sie Polnisch lernen und zur Verständigung beider Staaten beitragen können.

Deutsche Partner gesucht Bis diese Idee sich vielleicht durchgesetzt hat, will Renata Podbielska nicht warten. Deshalb versucht die stellvertretende Direktorin eine deutsche Partnerschule zu finden. Aber der Kontakt zum Gymnasium in Weißwasser ist eingeschlafen, für die neu gegründete Grundschule sucht sie noch immer vergebens nach einem Partner auf deutscher Seite. Die private Grundschule unterscheidet sich von der staatlichen dadurch, dass bereits ab der ersten Klasse Deutsch unterrichtet wird. Denn an der Grundschule Nummer eins in Zary wird nur Englisch angeboten. "Laut Lehrprogramm können die Kinder ab der vierten Klasse eine zweite Fremdsprache lernen, aber leider kann sich die Schule keinen Deutschlehrer leisten, sodass die Kinder bis zur sechsten Klasse nur Englisch lernen," erklärt Schuldirektorin Ewa Krauze-Michalska. "Denn die Deutschlehrer arbeiten lieber in privaten Sprachschulen, wo sie mehr Geld verdienen können", bedauert sie. An den Kosten scheitert meist auch der Fremdsprachenunterricht im Kindergarten, den die Eltern selbst bezahlen müssen.

Auf dem Gymnasium, das in Polen von der siebten bis zur zehnten Klasse dauert und dem das Lyzeum bis zur 13. Klasse folgt, sieht die Situation für die staatlichen Schüler besser aus. Neben der Pflichtsprache Englisch können die Jugendlichen Deutsch wählen, das bis zu neun Stunden in der Woche unterrichtet wird. Über die Hälfte der Schüler entscheidet sich auch dafür, obwohl Deutsch für sie viel schwieriger zu lernen ist als Russisch, das langsam aber auch wieder beliebter wird. An Französisch finden nur wenige Gefallen. "Deutsch ist wichtig für den Kontakt über die Grenze", betont Renata Podbielska. Deshalb will sie demnächst mit ihren Schülern einen Ausflug nach Bad Muskau machen. Dort sollen die Jugendlichen dann alleine losziehen und ihre Sprachkenntnisse im Geschäft oder Restaurant ausprobieren.