Von Andrea Hentschel

Es war am 26. August 1978, als ein Mann aus dem kleinen vogtländischen Ort Morgenröthe-Rautenkranz Weltraumgeschichte schrieb: Als erster Deutscher flog Sigmund Jähn ins All und umrundete an Bord einer sowjetischen Raumstation die Erde. Nach seiner Rückkehr wurde der Kosmonaut zum Medienstar und Volkshelden. Am Samstag starb er im Alter von 82 Jahren.

Den Grundstein für seine Kosmonautenkarriere legte Jähn schon früh. Am 13. Februar 1937 als Sohn eines Sägewerkarbeiters geboren, lernte er nach dem Abschluss der achten Klasse zunächst Buchdrucker, bevor er sich 1955 für eine Laufbahn in der Nationalen Volksarmee entschied. Nach Abschluss der Offiziershochschule wurde er einer der ersten Düsenflugzeugpiloten der DDR-Luftstreitkräfte und bereits mit 26 Jahren zum Leiter für Lufttaktik und Luftschießen eines Jagdfliegergeschwaders befördert.

Parallel dazu legte Jähn mit 28 Jahren das Abitur ab. Den Feinschliff als Flieger erhielt er in der damaligen Sowjetunion, wo er an der Militärakademie für Luftstreitkräfte ausgebildet wurde. Als auf einem sowjetischen Raumschiff erstmals ein deutscher DDR-Kopilot mitfliegen sollte, kam Jähn in die engere Wahl. 1976 zog der zweifache Familienvater und SED-Genosse unter größter Geheimhaltung in die Sowjetunion, wo er im Sternenstädtchen bei Moskau zwei Jahre lang auf seinen Weltraumflug vorbereitet wurde.

Am 26. August 1978 war es schließlich so weit: Zusammen mit dem Sowjetoberst Waleri Bykowski startete Jähn mit der „Sojus 31“ ins All und koppelte einen Tag später an die Orbitalstation „Saljut 6“ an. Der Blick auf die Erde, die Polarlichter, die zerbrechlich wirkende Atmosphäre – all dies habe sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Das bewegendste Naturschauspiel aber seien die Sonnenaufgänge gewesen, schwärmte Jähn in einem Interview.

125 Mal umrundete er die Erde, absolvierte wissenschaftliche Experimente und erforschte die Weltkugel mit einer Kamera. In Erinnerung blieb – zumindest vielen Bürgern der früheren DDR – auch die „kosmische Hochzeit“, die Jähn im All zwischen dem DDR-Sandmännchen und der russischen Puppe Mascha zelebrierte. Auf den achttägigen Flug folgte allerdings eine unerwartet harte Landung in der kasachischen Steppe, bei der Jähn einen bleibenden Wirbelsäulenschaden erlitt.

Nach seiner Rückkehr aus dem All wurde Jähn über Nacht zu einem der bekanntesten Gesichter des Ostblocks und zur Propagandafigur. Immerhin hatte die DDR die Bundesrepublik im Rennen um den ersten Deutschen im Weltraum geschlagen. Erst fünf Jahre nach Jähn schickte die Bundesrepublik mit Ulf Merbold ihren ersten Raumfahrer ins All. In der DDR führte der Jähn-Kult zur Umbenennung zahlreicher Schulen und anderer öffentlicher Einrichtungen. Das Rampenlicht habe er als anstrengender empfunden als den Raumflug selbst, bekannte Jähn vor Jahren.

Auch nach der Wende blieb Jähn der Raumfahrt treu und arbeitete als Berater für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Europäische Weltraumorganisation. Der Vision, dass die Menschen irgendwann ins All auswandern, konnte Jähn übrigens nicht viel abgewinnen. Da wanderte er nach eigenen Angaben doch lieber durch die Wälder des Vogtlands.

Bildergalerie Sigmund Jähn auf einem der letzten Fotos vor seinem Tod: aufgenommen im März 2019 in Chemnitz. Am 21. September 2019 ist Jähn, der erste Deutsche im Weltall, gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.