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Zum Tod von Kardinal Lehmann
Er war ein Brückenbauer

Kardinal Lehmann ist am Sonntagmorgen nach langer Krankheit gestorben.
Kardinal Lehmann ist am Sonntagmorgen nach langer Krankheit gestorben. FOTO: Fredrik von Erichsen / dpa
Mainz. Er stand für eine Kirche, die menschenfreundlich und weltoffen war. Karl Kardinal Lehmann, emeritierter Bischof von Mainz und ehemaliger Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, ist im Alter von 81 Jahren in Mainz verstorben. Von Benjamin Lassiwe

Geprägt wurde Lehmann vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das er als junger Priester erlebte. Der Mensch stand für ihn im Mittelpunkt, die Erklärungen des Konzils etwa zur Ökumene prägten ihn genau so, wie sein Lehrer, der bedeutende Theologe Karl Rahner.

Vor seiner Zeit als Bischof war er Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg im Breisgau. Ein Wissenschaftler durch und durch, dessen Vorlesungen und Seminare nach Aussage ehemaliger Studenten stets überfüllt waren. Ein Theologe, der im Laufe seines Lebens nicht weniger als neun Ehrendoktorwürden und so ziemlich alle Preise und Auszeichnungen, die in diesem Feld überhaupt vergeben werden, erhalten sollte – bis hin zum äußerst selten verliehenen Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

1983 hatte Papst Johannes Paul II. Lehmann auf den Mainzer Bischofsstuhl berufen. Bis zu seinem 80. Geburtstag, also 33 Jahre lang, sollte er ihn innehaben. Nur zwei Mainzer Bischöfe waren länger im Amt als Lehmann. Doch der bekennende Fan von Mainz 05 und des örtlichen Karnevals verstand auch zu leben. Ein gutes Glas Rheinwein war dem Kardinal nicht fremd, und obwohl seine Belesenheit legendär war, verstand er es doch auch, in Kontakt mit den einfachen Menschen auf der Straße zu kommen.

Dabei war Lehmann 26 Jahre lang, mehr als ein Vierteljahrhundert, auch der höchste Repräsentant der katholischen Kirche in Deutschland. In seine Zeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz fiel die Wiedervereinigung und die Neuordnung der Diözesen im Osten Deutschlands. In seine Zeit fielen aber auch handfeste Streitigkeiten: Oft befand sich Lehmann in der Auseinandersetzung mit den Konservativen um den ehemaligen Fuldaer Bischof Johannes Dyba und den Kölner Kardinal Joachim Meisner.

Und mit Rom stritt Lehmann zum Beispiek über die unglückliche Ökumene-Erklärung „Dominus Jesus“ oder die Schwangerschaftskonfliktberatung: Lehmann versuchte, sie trotz der Erteilung von zur Abtreibung berechtigenden Beratungsscheinen in Deutschland fortzusetzen, gegen den Willen Roms. Doch Lehmann wurde nach Rom zitiert, und das mehrfach. 1999 war der Druck zu hoch, die Deutsche Bischofskonferenz musste aus dem staatlichen System aussteigen.

Wie groß die Differenzen zwischen Lehmann und dem Vatikan zuweilen waren, wurde auch durch die lange Zeit deutlich, in der der Mainzer Oberhirte auf das Kardinalspurpur warten musste: Erst 14 Jahre, nachdem er den Vorsitz der Bischofskonferenz übernommen hatte, wurde er 2001 von Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt. An den Wahlen der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus nahm Lehmann im Konklave teil.

Schließlich die Ökumene. Vor allem mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber bildete Lehmann eine Art „Dreamteam“, kongenial konnten sich beide die verbalen Bälle zuwerfen, aber auch austeilen, wenn es nötig wurde. In Lehmanns Zeit fällt der erste ökumenische Kirchentag in Berlin 2003 – doch besser als alles andere beschreibt die Verleihung der Martin-Luther-Medaille der EKD im Jahr 2016 an den Kardinal seine Bedeutung für die Ökumene: Lehmann war der erste Katholik, der sie überhaupt erhielt.

In seinen letzten Jahren freilich forderte der intensive Arbeitseinsatz seinen Tribut. Lehmann war bereits von Krankheit gezeichnet, als er mit 80 Jahren seinen Bischofsstuhl in Mainz verließ. Im September 2017 erlitt er dann einen schweren Schlaganfall. In dieser Welt war es ihm nicht mehr vergönnt, sich davon zu erholen.