Ein Bahnhof für 59 000 Euro. War das ein Schnäppchen? "Naja", sagt Rico Jung, Kämmerer der Stadt Weißwasser. "Der Preis liegt so in der Mitte. Ein Schnäppchen wäre das Mindestgebot gewesen."

Als Mindestgebot für den 120 Jahre alten Bahnhof von Weißwasser hatten die Sächsischen Grundstücksauktionen 33 000 Euro angesetzt. Dann kam es bei der Versteigerung gestern in Dresden zu einem Bieterduell, das am Ende die Stadt gewann.

Kämmerer Jung ist zufrieden. Weißwasser hat nun endlich die Chance, aus dem maroden Gebäude selbst etwas zu machen. Das ist der Stadt auch einiges wert. Um den Bahnhof, das Entree in die Stadt, heimzuholen, hatten sich Stadtrat und Verwaltung geeinigt, notfalls 100 000 Euro auszugeben. Es ging mehr darum, einen Schandfleck loszuwerden, als eine Immobilie zu ergattern. Ein Investor, der tatsächlich investiert hätte, wäre der Stadt lieber gewesen. "Es ist nicht Aufgabe einer Stadt, einen Bahnhof zu betreiben", sagt Jung. Doch sehen die Weißwasseraner darin gute Chancen.

An ihrem Bahnhof halten Züge aus Berlin und Cottbus im Stundentakt. Noch steigen hier größtenteils Berufspendler ein und aus. Aber wenn der Besucherverkehr nach Bad Muskau an Fahrt gewinnt, lässt Kämmerer Jung durchblicken, dann liegt seine 1300 Quadratmeter große Neuerwerbung strategisch günstig: "Ein Imbiss und ein Treffpunkt für Jugendliche würde sich dort lohnen." Aber zunächst müsste investiert werden.

Voraussichtlich 2014 will die Stadt das Gebäude sichern, über die weitere Sanierung gibt es noch keine konkreten Pläne. Sechs Jahre lang gehörte der Bahnhof einem Investor aus Luxemburg, der sich kaum blicken ließ. Gemacht hat der an dem denkmalgeschützten Gebäude offenbar nichts. Auf Beschwerden über den schleichenden Verfall kam keine Reaktion. Was kaputt ging, blieb kaputt. Selbst die Bahnhofsuhr wurde abgeschraubt, statt repariert. Der Bahnhof hat schlichtweg seine Funktion im Stadtleben nicht mehr erfüllt.

Der Investitionsstau ist enorm. Immerhin 11 000 Euro Miete bringt der Bau jährlich ein. Mieter sind die Deutsche Bahn mit ein paar Büros und Technikräumen sowie ein kleines Reisezentrum. Eins wollte die Stadt um jeden Preis verhindern: "Dass der Bahnhof wieder an einen Investor kommt, der weit weg sitzt und nichts macht", so der Kämmerer.

Für Jung war die Versteigerung im Dresdner Hygienemuseum die erste von Amts wegen: "Ich habe extra immer schnell geboten, um zu zeigen, dass wir noch was in der Hinterhand haben."

Der Kontrahent im Bieterduell ergatterte laut Informationen des Auktionshauses bei derselben Versteigerung eine andere Immobilie.

Insgesamt kommen dieser Tage bei den Sächsischen Grundstücksauktionen 23 Bahnhöfe zwischen Thüringen und der Lausitz unter den Hammer. Darunter gestern der im Hoyerswerdaer Ortsteil Schwarzkollm. Das ebenfalls sanierungsbedürftige Gebäude erreichte das Mindestgebot von 12 000 Euro.

Der denkmalgeschützte Bahnhof in Bernsdorf-Wiednitz - Mindestgebot 20 000 Euro - fand indes keinen Käufer. Beide Bahnhöfe werden nur noch für den Güterverkehr aktiv. Bei einer weiteren Auktion am Sonnabend in Leipzig sollen die Bahnhöfe im Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz und in Markkleeberg neue Besitzer finden. Sie stehen für 59 000 und 32 000 Euro im Katalog.