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| 01:06 Uhr

Zug ohne Wiederkehr

Die Signale an der Bahnstrecke stehen noch auf Rot, dabei fährt längst kein Zug mehr. Der letzte war der Express von Vavuniya nach Matara, 20 Kilometer vor der Stadt Galle erfassten ihn am 26. Dezember die Wellen und rissen ihn wie eine Spielzeugeisenbahn von den Gleisen. Von Can Merey

Die Dimension der Naturkatastrophe in Asien hat das Zugunglück in Sri Lanka in den Hintergrund gerückt. Dabei ist es die bei weitem größte Bahnkatastrophe aller Zeiten. Mehr als 1300 Leichen sind bis gestern geborgen worden, jeden Tag werden es mehr. Viele liegen noch immer unter den umgestürzten Waggons und der Lokomotive.
Um 7.15 Uhr stieg Azmi Naym in Colombo in den Zug. Beim Ort Seenigama blieb die Bahn plötzlich stehen, "wir dachten, es habe sich jemand auf die Gleise geworfen", sagt der Juwelenhändler. Dann kam die erste Welle, sie war noch nicht so hoch. "Jeder sagte, bloß nicht nach draußen gehen, in ein paar Minuten geht es weiter." Nach einer Viertelstunde raste eine zweite Welle, "so hoch wie eine Kokosnusspalme", auf den Zug zu.
Naym hatte bei der ersten Welle eine Waggontür geöffnet, auf einmal war der Himmel zu sehen. "Unser Waggon wurde wie eine Streichholzschachtel umgeworfen", sagt der 40-Jährige. Er und zwei weitere Passagiere schafften es nach draußen. Die anderen, darunter viele Kinder, starben. Naym blieb fast unverletzt.
Wie eine stählerne Faust trafen die Wellen den Zug, Waggons und Lokomotive liegen heute noch Dutzende Meter neben den verformten Gleisen. Das Wasser trug den Zug durch Häuser hindurch, kein Stein blieb auf dem anderen. Eine Reisetasche wurde neben einen abgerissenen Stromzähler gespült, Kleider dümpeln im Brackwasser neben einem Kinderfahrrad. Eine zerschmetterte Wanduhr zeigt 10.15 Uhr.
Die Wracks der Wagen zeugen von den verzweifelten Rettungsversuchen der Passagiere. Zwischen der Rückbank eines Sitzes und der Abteiltür eines Wagens ist der Absatz eines Frauenschuhs eingeklemmt, die Menschen ließen alles stehen und liegen, als sie sich retten wollten. Kaum jemand hat es geschafft. Die Soldaten, die mit einem einzigen Bagger hilflos versuchen, im Chaos aufzuräumen, tragen Atemschutzmasken. Der Gestank der Verwesung ist kaum auszuhalten.
Rund 2000 Menschen waren Schätzungen zufolge im Todeszug. Nur etwa 150 sind Angaben der Polizei bislang lebendig aufgefunden worden. Immer noch kommen Angehörige auf der Suche nach ihren Liebsten ins Büro von B.P.B. Ayupala, dem Polizeichef der Region - dabei gibt es am Unfallort keine Überlebenden mehr. Ayupala war als einer der ersten nach dem Unglück vor Ort. "Überall lagen Leichen", sagt er. "Es war der schlimmste Anblick meines Lebens."
Eine endgültige Opferzahl der Bahnkatastrophe wird es wohl nie geben. Die Aufräumarbeiten werden Monate, wenn nicht Jahre dauern. Die einzige Zugverbindung vom Norden in den Süden Sri Lankas ist auf etlichen Kilometern zerstört. Die Signale auf der Strecke werden wohl noch lange auf Rot stehen.