Die Spreewaldgemeinde Burg hat sich in diesen Tagen ein auffälliges vorweihnachtliches Kleid angelegt. Der Lichterglanz in den Hauptstraßen der Kommune im Spree-Neiße-Kreis fällt auf. Doch in die Schlagzeilen ist der knapp 4500 Einwohner zählende Ort in den zurückliegenden Wochen geraten, weil hier offenbar ein Brandstifter sein Unwesen treibt. Zumindest geht die Cottbuser Polizei davon aus und hat deshalb eine Ermittlergruppe gebildet.

Bereits im September ist das Buswartehäuschen zwischen Schulgebäude und Turnhalle durch einen Brand beschädigt worden. Wie es dazu gekommen ist, bleibt im Dunkeln. In der Folgezeit brennen in der Kommune immer wieder Mülltonnen, auch ein Heuschober auf dem Festplatz. Aufmerksame, zupackende Bürger löschen zudem selbst lodernde Abfallbehälter.

Aber Ende November bekommt die mysteriöse Mülltonnen-Brandserie eine neue Dimension. Das Feuer greift erneut auf das Buswartehäuschen über. Es steht lichterloh in Flammen. Ein Übergreifen auf den Dachstuhl der Turnhalle kann die Burger Wehr gerade noch verhindern.

Tatort Großräschen: Die Feuerwehren aus Großräschen, Freienhufen, Altdöbern und Bahnsdorf werden Ende Oktober herbeigerufen, um den in Flammen stehenden Vorbau einer Werkstatt zu löschen. Es gibt erheblichen Sachschaden. Die Polizei geht dem Verdacht der Brandstiftung nach.

Tatort Forst: Um 4.25 Uhr wird die Feuerwehr am letzten November-Montag zu einem Dachstuhlbrand in die Gubener Straße gerufen. Letztlich bleiben von der Autowerkstatt nur noch die Grundmauern stehen, ein Giebel ist einsturzgefährdet. Der Schaden wird auf bis zu 500 000 Euro geschätzt. Für den Besitzer der Werkstatt steht fest: "Das war Brandstiftung."

Tatort Lübbenau: Die Feuerwehr wird Ende November zu einem Laubenbrand in der Lübbenauer Kraftwerksstraße gerufen. Um an den Brandherd zu gelangen, muss das Dach aufgeschnitten werden. Wieder schließt die Polizei Brandstiftung nicht aus.

Tatort Herzberg: Die Polizei findet bei ihren Ermittlungen nach einem Brand Ende November in der Sportlerklause von Herzberg an mehreren Stellen Brandbeschleuniger. Von dem Sportkomplex in der Badstraße der Elbe-Elster-Kreisstadt ist kaum noch etwas übrig geblieben. Unbekannte waren nach Angaben der Kripo in der Nacht in das Gebäude eingedrungen, hatten es durchwühlt und danach Feuer gelegt.

Fünf Tatorte in der Region - fünfmal der dringende Verdacht, dass Brandstiftung im Spiel sein könnte. Doch wer macht so etwas und warum? Wer zündet immer wieder Mülltonnen an? Wer zerstört die Existenz anderer? Wer bringt Menschen vorsätzlich in Gefahr?

Eine einfache oder allgemeingültige Antwort gibt es darauf nicht. Für den Psychotherapeuten Prof. Jürgen Hoyer von der Technischen Universität in Dresden trifft zunächst aber erst einmal zu: "Das alles sind kriminelle Handlungen. Solange die aber nicht aufgeklärt sind, kann es sein, dass die Ursachen mit Psychologie überhaupt nichts zu tun haben."

Hoyer deutet an, dass schließlich auch wirtschaftliche Interessen hinter Brandstiftungen stecken können, dass Druck auf Personen oder Unternehmen ausgeübt werde. Dafür könnten auch an geschilderten Tatorten in der Region durchaus Belege zu finden sein.

Eine Brandserie wie in Burg verweist für den Experten auf einen pathologischen (krankhaften) Brandstifter. "Das ist der berühmte Pyromane", sagt Hoyer, der sich mit verhaltensbezogenen psychischen Störungen von Menschen befasst. Der Experte vergleicht die hier auftretenden Impulskontrollstörungen etwa mit dem pathologischen Haareausreißen oder dem krankhaften Stehlen (Kleptomanie). "Wir haben es hier mit der Unfähigkeit zu tun, mit eigenen inneren Anspannungen umzugehen", schildert Hoyer. "Wenn diese Menschen in Spannung geraten, kann für sie die Spannungsabfuhr nur durch solche Handlungen erreicht werden. Das ist ein Teufelskreis."

Dass sich potenzielle Brandstifter in zwei Typen einordnen lassen, die entweder zündeln wollen, um Aufmerksamkeit zu erheischen, oder die aus einem krankhaften Zwang heraus Feuer legen - da geht Professor Hoyer nicht mit. "Das ist mir zu einfach", sagt er und erläutert, dass es sich vielmehr nach den Motiven richte, die den Spannungsbogen aufbauen. So könne etwa die Gier nach Sensationslust im Vordergrund stehen. Es gebe genügend Beispiele, dass der Feuerteufel selbst den Brand gemeldet, ihn mit gelöscht und dann die erhoffte Anerkennung erfahren habe. Das ist wie die kindliche Freude, wichtig und der Erste zu sein, der etwas meldet. "Diese Personen können nicht unterdrücken, nicht die Hauptrolle spielen zu können." Natürlich würden da auch Minderwertigkeitskomplexe dahinter stecken.

Auf der anderen Seite gehe es um den dranghaften Wunsch, Ärger-, Hass- und Rachegefühle loszuwerden. "Es soll auf diese Weise Frustration abgebaut werden", betont der Dresdner Psychotherapeut. "Wenn man den inneren Drang nicht beherrschen kann, dann stößt man auf das Kardinalproblem." Für Prof. Jürgen Hoyer ist aber beides krankhaft. "Wer löst denn das Problem der Trennung von der Frau oder andere Wutgefühle, indem er einfach etwas anzündet?"

Was dagegen im Kleinen passiere, dass man vor Ärger gegen den Autoreifen tritt oder einen Teller auf den Boden wirft, diese Reaktionen seien schnell vorbei und hinterließen keinen dauerhaften Schaden. Vor Jahren habe einer seiner Patienten aus Rachegefühlen heraus ein Landgericht angezündet. "Der war deshalb aber kein Feuerteufel. Er hatte das nur dieses eine Mal gemacht", schildert Hoyer, dass in diesem Fall der Therapieansatz eher leicht auszumachen war.

Inwieweit echte pathologische Brandstifter heilbar seien, lasse sich dagegen wissenschaftlich nicht sagen. "Aber eine Chance sehe ich als Psychotherapeut immer", versichert der Dresdner Experte. "Menschen sind immer lernfähig. Wenn die richtigen Anreize da sind und derjenige das einsieht, dann hat man durchaus eine Therapiechance."

Die Suche nach den vermeintlichen Brandstiftern in der Lausitz geht weiter. Die Spreewald-Gemeinde Burg, in der der Mülltonnen-Feuerteufel auch nach dem abgebrannten Buswartehäuschen weiter zündelt, hat 500 Euro Belohnung für Hinweise auf die Ergreifung des Täters ausgelobt. Der Cottbuser Polizeisprecher Thorsten Wendt lässt unterdessen keinen Zweifel: "Irgendwann kriegen wir sie alle."