Deutschlands Landwirte fahren derzeit eine deutlich schlechtere Getreideernte ein als im vergangenen Jahr. "Wir sind schon ein bisschen ernüchtert und enttäuscht über das, was wir bisher ernten konnten", sagt Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband. Die Mengen beim Getreide seien wegen des schlechten Wetters deutlich geringer als im Vorjahr - je nach Region etwa zehn bis 20 Prozent.

Die Sonne habe zu wenig geschienen, vor allem im Süden habe der Regen Schäden angerichtet. Gerste und Raps seien bereits weitgehend abgeerntet. Beim Weizen stehe jedoch noch gut ein Drittel auf den Feldern.

"In diesem Jahr sind die Körner einfach kleiner", sagt Hemmerling. Das wirkt sich auf das Gewicht aus. Man brauche zum Beispiel mehr Körner als sonst, um eine entsprechende Menge Mehl daraus zu bekommen, erklärt Hemmerling, der stellvertretender Generalsekretär des Bauernverbands ist.

Verbraucher bekommen von der geringeren Erntemenge nach seiner Einschätzung aber wenig mit: Der Großteil des Getreides - etwa 60 bis 70 Prozent - je nach Art werde nämlich als Viehfutter verwendet, erklärte er. Lediglich 30 Prozent würden zu Backwaren verarbeitet, der Rest werde etwa zur Herstellung anderer Produkte wie Stärke genutzt oder gehe zu einem kleinen Teil in Biokraftstoffe.

Einbußen auch bei Raps

Brandenburgs Bauern erwarten in diesem Jahr geringere Ernteerträge bei Getreide und Raps. Bei der seit Anfang Juli laufenden Getreideernte rechnet der Landesbauernverband (LBV) mit einem Ergebnis von 2,5 Millionen Tonnen, rund fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Bei Raps werde sich der Ertrag voraussichtlich um ein Viertel auf rund 350 000 Tonnen verringern. Der Rückgang beim Getreideertrag ist vor allem auf die Trockenheit bis Ende Mai zurückzuführen, wie ein LBV-Sprecher erklärt.

Wegen des wechselhaften Wetters geht die Ernte in Sachsen nicht wie geplant voran. Andreas Jahnel vom Landesbauernverband spricht von einem wahren "Wechselbad" in den vergangenen Wochen. "Mal ist es total heiß, dann gibt es kalte und feuchte Phasen." Die Bauern könnten vielerorts nur tageweise oder sogar nur an halben Tage die Getreideernte einfahren.

Um voranzukommen, nähmen manche Landwirte in Kauf, das Getreide noch etwas feucht zu ernten. Dieses müsse dann aber entsprechend gelagert und getrocknet werden, so Jahnel. Bei der Ernte sei ein Wert von 18 Prozent Feuchtigkeit grenzwertig.

Mittlerweile kommen die Landwirte mit der Ernte bereits weit in den August hinein. "Wir sind noch nicht einmal in den Regionen fertig, die normalerweise um diese Zeit schon lange durch sind", so der Pflanzenexperte. Vor allem in Gebirgslagen, wo ohnehin später als etwa in Nordsachsen geerntet werde, könnte es durch die verzögerte Ernte Probleme bei der anschließenden Aussaat geben.

Roggen steht noch auf Feldern

Wenn die feuchte Witterung anhalte, könnte das in den nächsten Wochen auch Auswirkungen auf die Qualität haben. "Wir bräuchten 14 Tage lang trockenes Erntewetter bei 25 Grad", so Jahnel. Ab Mitte August gestalte sich das Ernten ohnehin komplizierter, weil die Tage dann deutlich kürzer werden.

Vor allem Roggen und Winterweizen stehen laut Verband noch auf den Feldern, der Raps in den höheren Gebirgslagen kommt jetzt erst zur Reife. Jahnel rechnet in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Ernte, abhängig von Region zu Region. Im vergangenen Jahr hatten die sächsischen Bauern trotz Trockenheit mit 2,77 Millionen Tonnen Weizen und Gerste eine gute Getreideernte eingefahren.

Dass Ernten unterschiedlich ausfallen, sei nicht neu, sagte Hemmerling. 2013 und 2014 seien sehr gute Erntejahre gewesen. 2015 seien dann die Mengen gut gewesen, aber die Preise auf dem Weltmarkt nicht. Und in diesem Jahr sei beides etwas kritischer. Derzeit sei der Ackerbau eher in einem wirtschaftlichen Abwärtstrend, sagte er.

Manchen Landwirten in Deutschland setzt das Wetter auch beim Obst zu. In Hessen etwa startete vor einigen Tagen die Apfel-Ernte. "In Gebieten, wo es gehagelt hat, haben die Äpfel Dellen", sagt ein Sprecher des hessischen Bauernverbands. Geschmacklich gebe es keinen Unterschied, "aber die sehen halt nicht so schön aus".

Zum Thema:
Im vergangenen Jahr hatten die Landwirte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 48,8 Millionen Tonnen Getreide einschließlich Mais geerntet. Die wichtigste Getreideart ist dabei der Weizen - knapp 26,5 Millionen Tonnen holten die Bauern im Jahr 2015 ein. Dazu kamen zum Beispiel rund 11,6 Millionen Tonnen Gerste und etwa 3,5 Millionen Tonnen Roggen.