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Zu wenig Schulen im Osten

Es kommt was auf die Schulen zu: Im Jahr 2025 gehen die Experten von 8,3 Millionen Schülern aus.
Es kommt was auf die Schulen zu: Im Jahr 2025 gehen die Experten von 8,3 Millionen Schülern aus. FOTO: dpa
Dresden/Gütersloh. Eine neue Studie rechnet mittelfristig mit deutlich mehr Schülern als bislang gedacht. Umdenken müssen demnach gerade die Ost-Länder, die lange an Lehrern gespart und Schulen geschlossen haben. Christine Keilholzund Benjamin Lassiwe

Es werden wieder mehr Kinder geboren in Sachsen und Brandenburg. 2015 kamen in Sachsen 36 466 Babys zur Welt - rund 1500 mehr als noch 2013. Brandenburg schaffte im selben Zeitraum einen Anstieg von 18 355 auf 19 112 Neugeborene.

Das ist zwar erfreulich, macht aber einen Teil des Problems aus, vor dem die Schulverwaltungen der Länder in den nächsten Jahren stehen werden. So jedenfalls sieht es die Bertelsmann-Stiftung. Die rechnet in einer aktuellen Studie für die nächsten Jahre mit deutlich mehr Schülern als bisher gedacht. Fazit: Steuern Länder und Schulträger nicht um, drohe ein dramatischer Engpass an Lehrern und Schulgebäuden, so warnen die Bildungsforscher aus Gütersloh.

In der Tat gingen die Schülerzahlen 15 Jahre lang kontinuierlich zurück. In Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen besuchten im Jahr 2005 rund 2,1 Millionen Schüler die allgemein bildenden und beruflichen Schulen. Das war der bisher niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.

Erst seit wenigen Jahren deutet sich bundesweit ein leichter Anstieg an. Berechnungsgrundlage dafür ein Zahlenwerk der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2013. Diese Zahlen korrigiert die neue Studie nun nach oben. Bis 2025 werden demnach bereits vier Prozent mehr Kinder und Jugendliche in der Schule lernen als bislang angenommen - 2030 wären es sogar acht Prozent mehr. Einige Länder, so die Forscher, müssten komplett umdenken.

Das betrifft insbesondere die Länder des Ostens. Hier ist der demografische Wandel seit Jahren ein großes Thema, das auch die Planungen für Schulen, Schulbau und die Einstellungen von Lehrern betrifft. Geplant wurde immer mit langfristigem Rückgang - oder bestenfalls Stagnation. Sollte also das aktuelle Szenario eintreffen, dürften Klassenräume und Lehrer fehlen. Die Lehrer fehlen ja jetzt schon. Sachsen hat für das bald beginnende Schuljahr 1400 Lehrerstellen zu vergeben. Ein Drittel dieser Stellen sind noch nicht besetzt.

Viel Hoffnung setzt die CDU-SPD-Regierung in Dresden auf ein 213 Millionen Euro schweres Maßnahmenpaket zur Lehrerversorgung. Darin vorgesehen sind bessere Bezahlung für Lehrer und Nachhilfe für Lehramtsstudenten.

Immerhin haben sich zum zweiten Schulhalbjahr 2016/2017 fast 2300 junge Leute als Lehrer beworben - doch nur 800 von ihnen sind ausgebildete Pädagogen mit einem Lehramtsabschluss. Um die benötigten Lehrer zusammenzubekommen musste Sachsen für das Jahr 2016/2017 auf so viele Quereinsteiger wie nie zurückgreifen.

Wo geeignete Lehramtsabsolventen fehlen, stellt die Bildungsagentur diplomierte Chemiker, Mathematiker oder Physiker ein. Noch 2015 wurde jede fünfte Stelle mit Akademikern ohne Lehramtsausbildung besetzt. 2016 machten sie schon fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrkräfte aus.

Brandenburg brauchte nach den vergangenen Sommerferien viel Glück, um die 1400 freien Lehrerstellen zu besetzen. Das gelang nur, weil mehr als 100 Lehrer aus Berlin rüber kamen. Und bis zum Jahr 2019 sollen immerhin 3000 neue Lehrer eingestellt werden. So steht es zumindest auf einer Homepage des Potsdamer Bildungsministeriums. Auch Brandenburg griff zum Schließen der Lücke auf Seiteneinsteiger zurück: Rund 230 waren das im vergangenen Schuljahr, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Kathrin Dannenberg, Anfang des Jahres in einer Landtagsdebatte.

Und auf Beschluss des Landtags soll das Bildungsministerium bis zum Herbst ein Konzept zur dauerhaften Qualifikation von Seiteneinsteigern vorlegen. Und weil Lehrer ein knappes Gut sind, hat das Ministerium schon im vergangenen Jahr ein eigenes Werbevideo drehen lassen, in dem aus allen Bundesländern eingestelle Lehrer über ihre ersten Eindrücke aus Brandenburg berichteten. "Arbeiten und Leben dort, wo Berliner am Wochenende Urlaub machen", heißt es darin.

Zudem hat man in den vergangenen Jahren Pflichtstundenzahlen abgesenkt, älteren Lehrkräften Ermäßigungsstunden gewährt und aufgrund der Flüchtlingszahlen neue Planstellen geschaffen.

Zum Thema:
Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht bisher für 2025 nur von 7,2 Millionen Schülern aus. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2013, als weder steigende Geburtenraten noch Rekord-Zuwanderung abzusehen waren. Die Bertelsmann-Stiftung erwartet für 2025 in den Grundschulen bundesweit 22 Prozent mehr Schüler als die Kultusminister.