| 01:04 Uhr

Zu Unrecht im Verborgenen

Die Knochen eines Pottwals sind ab September im Japanischen Palais in Dresden in der Sonderausstellung „Auf Landgang – Schnecken, Muscheln, Kopffüßer und der Wal“ zu sehen.
Die Knochen eines Pottwals sind ab September im Japanischen Palais in Dresden in der Sonderausstellung „Auf Landgang – Schnecken, Muscheln, Kopffüßer und der Wal“ zu sehen. FOTO: Foto: ZB
„Das Schönste, das Wertvollste und das Beste der Mineralogie, Geologie und Zoologie ist hier zu finden“, schwärmt Direktor Ulf Linnemann von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Dresden. Die Museen für Mineralogie und Geologie und für Tierkunde feiern in diesem Jahr ihr 275-jähriges Bestehen. Sie sind damit wahrscheinlich weltweit die ältesten naturwissenschaftlichen Museen, rangieren in Deutschland nach Frankfurt/Main und Berlin an dritter Stelle. Ihre Bestände gelten auch unter Wissenschaftlern in aller Welt als erste Adresse für die Forschung. Von Simona Block

Tragisch ist, dass dieser Schatz seit 1945 aus Platzmangel in Vergessenheit geraten ist", sagt der Direktor. "Wir brauchen ein Ausstellungsgebäude, sonst verschwinden wir in der Versenkung." Dort sollten die wichtigsten 600 000 Stücke des 6,5 Millionen Objekte umfassenden Bestandes dauerhaft gezeigt werden. Derzeit funkeln Minerale von Weltruhm nur gelegentlich im Licht der Öffentlichkeit, bleiben einzigartige oder auf der Erde schon ausgestorbene Tiere als Präparate verborgen im Dunkel moderner Depots.
Die Wurzeln der Sammlungen reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert. Die ältesten Stücke werden 1587 im kurfürstlichen Kunstkabinett Naturalia erwähnt. 1728 gilt als Gründungsjahr, als der legendäre Kurfürst August der Starke (1670-1733) die Naturaliensammlung von seinen Kunstobjekten getrennt in seiner schönsten Immobilie unterbrachte: dem von Barock-Architekt Pöppelmann neu erbauten Zwinger. Im 19. Jahrhundert getrennt, sind die Museen seit 1999 unter einem Dach vereint, aber im Forschungs- und Sammlungsprofil selbstständig.
Die Sammlung des Tierkundemuseums umfasst über sechs Millionen Tierpräparate, vor allem ausgerottete Wirbeltierarten. "Wir haben ein nahezu vollständiges Skelett der Stellerschen Seekuh - die blaue Mauritius der Zoologie - von der es weltweit nur noch zehn gibt." Diese Tiere seien vor 100 Jahren von Walfängern ausgerottet worden. Auch Überreste von Mammuts, Wollnashörnern, Höhlenbären und -löwen, die in den 30-er-Jahren des 20. Jahrhunderts in der Umgebung von Dresden gefunden wurden, werden hier aufbewahrt.
Über nicht weniger exzellente Stücke verfügt das einstige Mineralienkabinett, das 60 000 Mineralstufen - Gold, Silber und Edelsteine -, etwa 52 000 Gesteine und mehr als 390 000 Fossilien umfasst. Zu den Kostbarkeiten gehören Teile des 1477 geborgenen "Silbernen Tischs" aus dem Erzgebirge, Meteoriten, das Pflanzenfossil "Raumeria", ein Entenschnabelsaurier-Gelege oder Abdrücke von Seesternen aus dem Elbsandsteingebirge.
Ein Lichtblick für Linnemann und seine Kollegen sind Überlegungen, die Sammlungen als Forschungsmuseen in die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz, die so genannte "Blaue Liste", aufzunehmen. "Damit würden 50 Prozent aller anfallenden Kosten vom Bund getragen und wir würden zu einer Organisation gehören, wo mehr Geld für die Forschung da ist", weiß Linnemann. "Bevor wir einen Antrag stellen können, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein", sagt Sachsens Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU). Dazu gehörten die überregionale Bedeutung, die Einzigartigkeit des Forschungsgebiets, ein Mindestumfang an Forschungsmitteln sowie die Qualität der Forschung.