Trauriger Alltag, auch in der Lausitz. Schon bei der Einschulung ist jeder vierte Abc-Schütze zu dick, jeder 20. leidet unter „erheblicher Fettleibigkeit“ . Haltungsfehler und motorische Störungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
Abhilfe schaffen kann und soll nach dem Willen der Kultusminister der Sportunterricht. Brandenburg verweist stolz auf die vorgeschriebenen drei Pflichtstunden Sport pro Woche, kann sich loben, mit 23 Prozent die höchste Teilnehmerquote aller Bundesländer beim Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ zu haben. Doch der schulische Alltag sieht anders aus. Elternbeiräte schätzen, dass jede vierte Sportstunde in der Lausitz ausfällt. Außerdem verzichten viele Schulen stillschweigend auf die dritte Wochenstunde Sport, nutzen die Zeit eher für Fachunterricht. Schüler und Eltern betrachten den Unterricht als zweitrangig: Turnzeug wird regelmäßig vergessen, schon bei leichten Unpässlichkeiten die Entschuldigung gezückt. Und selbst wer gern an den Turnübungen teilnimmt - im Schnitt bewegt sich ein Kind pro Sportstunde drei bis sieben Minuten.
Probleme, die auch an der Luckauer Oberschule nicht fremd waren. „Aber“ , so Schulleiterin Petra Schmidt, „wir haben uns schon vor Jahren darangemacht, der Bewegung in der Schule einen besonderen Stellenwert einzuräumen.“ Die Stundenpläne wurden so aufeinander abgestimmt, dass die Kinder möglichst häufig pro Woche Sport treiben. Der Unterricht wird so organisiert, dass die Schüler nicht auf der Bank sitzen, sondern ständig in Bewegung bleiben. Lange Umbaupausen werden vermieden, seit sich alle Klassen phasenweise den gleichen Sportarten widmen.
Petra Schmidt: „Am Ende einer solchen Phase organisieren die Kinder ein Schulturnier in der entsprechenden Disziplin. Sie delegieren ihre Wettkampfteilnehmer, sie stellen die Schiedsrichter, sie kümmern sich um Vor- und Nachbereitung des Turniers.“
Die Erkenntnisse der Pädagogin: „Von Jahr zu Jahr wächst bei diesen Kindern die Bewegungsfreude, ihre Selbstständigkeit und ihre Fairness. Und überraschenderweise übertragen sowohl die Schüler als auch die Lehrer ihre positiven Erfahrungen auf andere Fächer.“
So wurde das Austauschprogramm mit einer polnischen Schule vom Sportbereich jetzt auf Geografie und Biologie übertragen, Mathe-Olympiaden gehören ebenso zum Schulalltag wie Badminton- oder Tischtennisturniere. Petra Schmidt: „Auch Kinder mit körperlichen Defiziten oder Verhaltensauffälligkeiten binden wir ganz gezielt in den Sportunterricht ein. Und das, was sie dabei an Selbstbewusstsein gewinnen, bringt ihnen wieder einen Schub für die übrigen Fächer.“
Eindrücke, die auch wissenschaftlich belegt sind. In einer Sitzung des Sportausschusses des Bundestages kamen die Experten zu folgenden Ergebnissen:
Ausreichend Bewegung im Kindesalter sorgt für eine optimale Vernetzung von Gehirnzellen. Zellen, die in der frühen Kindheit gebildet werden, dienen später nicht nur der Motorik, sie können ebenso für Intelligenz und intellektuelle Aufgaben eingesetzt werden.
Krafttraining (dreimal wöchentlich 15 Minuten) fördert den Reifungsprozess des Gehirns.
Sport darf nicht nur nach Maximalleistungen bewertet werden, die Ausdauerkomponente muss stärker in die Benotung einfließen.
Sport unterfüttert signifikant die Leistungsfähigkeit von Kindern im Bereich Mathematik oder Fremdsprachen.
Peter Danckert, SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Landkreis Dahme-Spree, hält körperliche Betätigung für wichtig: „Sport hat eine solche Bedeutung für unsere Gesellschaft, dass es sinnvoll wäre, im Zuge der Föderalismusreform den Sport als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern.“
Auch der Bundeselternrat fordert vehement: Die Stunden für den Sport- und Schwimmunterricht dürfen nicht gekürzt, sondern müssen angemessen erweitert werden, um dem Bewegungdefizit der Kinder entgegenzuwirken. Turn hallen müssten ordentlich ausgestattet sein, Sportlehrer dürften im Alter nicht zu weit von ihren Schülern entfernt sein.
Die Schule in Luckau jedenfalls versucht alles, um ihr Sportkonzept möglichst optimal umzusetzen. „Gegen die Alterung des Kollegiums oder gegen häufige Lehrerumsetzungen können wir nichts machen“ , so die Schulleiterin, „aber wir haben unsere Sportpalette dennoch ausgeweitet. In unserem neuen Ganztagsangebot sollen die Kinder jeden Nachmittag die Chance haben, sich auszutoben. Mittags können sie, je nach Bedürfnis, in die Turnhalle oder zur Entspannung kommen.“
Ein Konzept, das von den Lehrern viel Zeit und Einsatz verlangt. „Aber wir spüren, dass etwas zurückkommt. Und das macht letztlich auch uns zufriedener.“