Der Prozess ist zu Ende, doch viele Fragen bleiben offen. Der ehemalige päpstliche Kammerdiener hat seiner Kirche eine schlimme Affäre beschert. Monatelang hielten die "Vati leaks"-Enthüllungen den Kirchenstaat in Atem - losgetreten durch vertrauliche Papiere, die Gabriele kopiert und weitergegeben hatte.

Nun verurteilt das vatikanische Gericht "Paoletto" wegen Diebstahls. "Ich fühle mich nicht als Dieb", sagt der tiefgläubige Familienvater in seinem Schlusswort. "Was ich stark in mir fühle, ist die Überzeugung, dass ich aus tiefer, hingebungsvoller Liebe zur Kirche von Jesus Christus und zu ihrem Oberhaupt gehandelt habe." Das Tribunal unter Vorsitz von Präsident Giuseppe Dalla Torre billigt Gabriele denn auch mildernde Umstände zu. Andernfalls wäre die Strafe doppelt so hoch ausgefallen. Er sei nicht vorbestraft und habe aus persönlicher Überzeugung gehandelt, wenngleich diese ein Irrweg gewesen sei, sagt Dalla Torre. Auch habe Gabriele gestanden und bereut, das Vertrauen des Papstes missbraucht zu haben. Benedikt XVI. wird wohl Gnade walten lassen. Eine Begnadigung sei eine "sehr wahrscheinliche Möglichkeit", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi, der die Unabhängigkeit des Tribunals hervorhob.

In der Affäre waren immer wieder brisante Papiere durchgesickert. Es ging um Korruptionsverdacht, um undurchsichtige Geschäfte der wiederholt in Verruf geratenen Vatikanbank, um die Gesundheit des Papstes.

Einige Dokumente sind in Gianluigi Nuzzis Buch "Seine Heiligkeit" abgedruckt. Mehrfach taucht der Name des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone auf. In den Medien wurde über interne Machtkämpfe spekuliert - und bezweifelt, dass Gabriele, dem eher einfache Intelligenz bescheinigt wird, alleine handelte. Staatsanwalt Nicola Picardi, der drei Jahre Haft verlangt hatte, schildert Gabriele als beeinflussbaren Menschen. Doch das bedeutet für den Ankläger nicht, dass Gabriele gesteuert wurde.

Viele Fragen bleiben. Vor seiner Festnahme hatte Gabriele in einem anonym geführten Interview gesagt, es gebe im Vatikan etwa 20 Gleichgesinnte. Im Prozess sprach er von Leuten, zu denen er Kontakt hatte, auch Kardinäle. Im Vatikan mit wenigen Hundert Bewohnern habe Gabriele fast zu allen Kontakt, hieß es beim Vatikan.

Die "Kontakte" wurden nicht als Zeugen gehört. Ebenso wenig der Beichtvater, dem Gabriele Dokumente gab - die der Geistliche Berichten zufolge verbrannte. In den Zeugenstand traten der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein, Gendarmen und eine Haushälterin, die sagte, sie haben nie Verdacht geschöpft; Gabrieles Tat habe "weit außerhalb ihrer Vorstellungskraft" gelegen.