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| 01:34 Uhr

Zorn über Tod von Zivilisten in Afghanistan

Viele Zivilisten haben um ihr Leben Angst. Sie fliehen aus dem Gebiet der Isaf-Offensive. Foto: AFP
Viele Zivilisten haben um ihr Leben Angst. Sie fliehen aus dem Gebiet der Isaf-Offensive. Foto: AFP FOTO: AFP
Berlin. Nachdem Stanley McChrystal im Juni 2009 das Kommando über die Internationale Afghanistan-Schutztruppe Isaf übernommen hatte, verordnete er seinen Soldaten einen Kurswechsel. Der Schutz der Bevölkerung, nicht das Töten von Taliban müsse im Mittelpunkt stehen, sagte der US-General. Jetzt starben erneut Zivilisten bei einem Nato-Angriff. Kabul rügte den „unverantwortlichen Angriff“ scharf. Von Can Merey

In McChrystals "Richtlinie zur Aufstandsbekämpfung" schrieb er: "Verdient Euch die Unterstützung der Menschen, und der Krieg ist gewonnen." Doch seit Beginn der Großoffensive in Südafghanistan - die als Testfall für die Isaf-Strategie gilt - erleidet die Schutztruppe im Kampf um die Unterstützung der Afghanen einen Rückschlag nach dem nächsten. Binnen acht Tagen töteten Soldaten fast 50 Zivilisten. Zu Beginn der Offensive in der südafghanischen Provinz Helmand am vorvergangenen Samstag appellierte der afghanische Präsident Hamid Karsai an die Truppen, "absolute Vorsicht" walten zu lassen. Doch bereits am zweiten Tag der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") verfehlten Raketen der Isaf eine Taliban-Stellung, zwölf Zivilisten starben. McCrystal entschuldigte sich und gelobte besseren Schutz der Zivilisten. Am Tag darauf töteten Isaf-Bomben fünf Zivilisten in der Nachbarprovinz Kandahar. Während der Operation "Muschtarak" erschossen Soldaten außerdem vier Zivilisten, die sie für Taliban-Kämpfer hielten.Dann schien der Einsatz am Hindukusch doch noch Rückenwind zu bekommen: Pakistan verkündete, der Vize-Chef der afghanischen Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, sei gefasst worden. Danach wurden weitere Festnahmen von afghanischen Taliban-Führern in Pakistan vermeldet, die zwar offiziell unbestätigt blieben, die die Aufständischen aber schwächen könnten. Auch die überaus wichtige Operation "Muschtarak" macht nach Isaf-Angaben Fortschritte. Doch all diese aus Nato-Sicht positiven Entwicklungen werden überschattet von den zivilen Opfern, die die Truppen verursachen.Am Montag nun wurde der blutigste Fall seit Jahresbeginn bekannt. Die Zivilisten fuhren nicht durchs Kampfgebiet in Helmand, sondern waren von der südafghanischen Provinz Dai Kundi nach Kandahar unterwegs, als Isaf-Bomben ihren Konvoi am Sonntag trafen. Nach Angaben der afghanischen Regierung sind unter den 27 Toten vier Frauen und ein Kind. McChrystal sah sich gezwungen, Karsai erneut sein "Leid und Bedauern" über den Tod von Zivilisten zu bekunden. Den Präsidenten konnte das nicht besänftigen.Erst am Samstag hatte Karsai bei einer emotionalen Ansprache im Parlament in Kabul ein Foto hochgehalten, das ein achtjähriges Mädchen zeigte - nach seinen Worten die einzige Überlebende des fehlgeschlagenen Nato-Raketenangriffs von Helmand, bei dem zwölf ihrer Angehörigen getötet worden waren. Karsai forderte, die zivilen Opfer bei Militäroperationen müssten auf null reduziert werden. Nach dem jüngsten Bombardement übte seine Regierung nun harsche Kritik an der Nato. Der Luftangriff sei "unverantwortlich", hieß es in einer Erklärung des Kabinetts und werde "auf das Schärfste verurteilt".Karsai muss seit Jahren dabei zusehen, wie seine Appelle zwar gehört werden, aber kaum Wirksamkeit zeigen. Bereits 2007 nannte er die zivilen Opfer "nicht mehr verständlich" Jeder Zivilist, den die Truppen töten, treibt Angehörige des Opfers in die Arme der Taliban. Dem Propagandaapparat der Aufständischen dient jedes zivile Opfer dazu, die Soldaten als Besatzer zu verteufeln. Die Taliban unterschlagen dabei, dass ihre Anschläge weitaus mehr Unbeteiligte das Leben kosten, als es Operationen der Militärs tun. So riss am Montag ein Selbstmordattentäter in der Provinz Nangarhar mindestens 15 Menschen mit in den Tod, die meisten davon Zivilisten.