Michael Kellner kann sich nur noch mühsam beherrschen. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl herum, verdreht die Augen und schaut immer wieder nach oben, an die Decke der Friedrichstadtkirche in Berlin-Mitte. "Ich war schon kurz vor dem Abheben", stöhnt Kellner, als ihm der Moderator endlich das Wort erteilt. Die Klimabilanz der Regierung sei "verheerend", der wachsende CO{-2}-Ausstoß ein "Armutszeugnis", poltert der Grüne gegen seine Podiumskollegen von CDU, CSU und SPD. Die hatten die Klimapolitik der Großen Koalition bis eben in rosigen Farben gemalt, was Kellner sichtbar nervt.

Normalerweise zoffen sich die Generalsekretäre und Geschäftsführer der Bundestagsparteien nach jeder Landtagswahl vor laufenden Fernsehkameras. Auf Einladung der kirchlichen Hilfswerke "Misereor" und "Brot für die Welt" diskutiert diese Runde am Dienstagabend vor ein paar Hundert interessierten Bürgern. Offiziell geht es um die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele. Wegen der anstehenden Bundestagswahl wird daraus ein zum Teil heftiger Schlagabtausch in eigener Parteisache. Und dabei sind die Fronten längst nicht immer klar zwischen Regierungs- und Oppositionslager getrennt.

"Wir hätten gern mehr gemacht als die Union", beteuert SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. Besonders hoch schlagen die Wellen, als sie auf die Umweltpolitik ihrer Parteifreundin Barbara Hendricks zu sprechen kommt. Die Umweltministerin liegt gerade mit Alexander Dobrindt schwer im Clinch. Der Verkehrsminister von der CSU bremst bei schärferen EU-Regelungen im Zuge der VW-Abgasaffäre, während die Genossen hier lieber aufs Gaspedal treten wollen. Das gelte auch für mögliche Alternativen zum Auto. "Da hat uns die CDU volle Kanne in die Fresse gehauen", empört sich Barley. Peter Tauber, der Generalsekretär der Christdemokraten, lässt sich davon allerdings nicht aus der Fassung bringen. Immer wieder erklärt er, dass das Auto eine gute Zukunft habe, der öffentliche Nahverkehr niemals kompletten Ersatz bieten könne, und die Grünen wegen ihrer erklärten Feindschaft gegen den Verbrennungsmotor, die Kohlewirtschaft und große Agrarbetriebe "herrlich naiv" seien.

Auch beim Thema Ungleichheit fliegen öfter die Fetzen. Während Kellner und sein Amtskollege von der Linken, Matthias Höhn, die Steuerpolitik der Regierung brandmarken, lobt der stellvertretend für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer teilnehmende Entwicklungsstaatssekretär Thomas Silberhorn die Union als Vorreiter im Kampf gegen das internationale Steuerdumping. Auch Tauber lobt an dieser Stelle ausdrücklich den CDU-Finanzminister, was wiederum seiner SPD-Kollegin Barley gegen den Strich geht. "Wolfgang Schäuble muss hier doch regelmäßig zum Jagen getragen werden", stichelt die Genossin.

Beim Publikum kommt die Debatte offenbar weitgehend positiv an. Wann sieht man auch schon mal die fast komplette Riege der bekanntesten Partei-Manager in natura? "Vielleicht war da ein bisschen zu viel Parteipolitik", meint ein Besucher. Der Hauptgeschäftsführer von Misereor, Pirmin Spiegel, stellt am Ende klar, dass eine nachhaltige Entwicklung von der Verringerung der Ungleichheit bis zur Eindämmung des Klimawandels nur unzureichend auf der politischen Tagesordnung steht. Die Partei-"Generäle" nehmen es zur Kenntnis. Was sich in den Wahlprogrammen zu diesem Thema wiederfindet, ist noch offen.