. "Wir wollten mit dem Brief schon schockieren, auf jeden Fall Aufmerksamkeit erregen", sagt Stefan Kupka. Der Sozialarbeiter beim Kreisverband der Volkssolidarität Südbrandenburg ist einer von rund 40 Mitarbeitern des Vereins, die das ungewöhnliche Schreiben unterzeichnet haben und der Einzige, der offen darüber spricht.

Die fünfseitige Erklärung ging laut Verteiler nicht nur an Mitglieder der Volkssolidarität, sondern auch an Brandenburgs Justizminister, den Landgerichtspräsidenten in Cottbus, an Landrat und Kreistagsvorsitzenden von Oberspreewald-Lausitz, eine Landtagsabgeordnete aus der Region.

In dem Papier wird Lore Seidel schwer attackiert. Seidel ist Richterin und Pressesprecherin am Arbeitsgericht Cottbus, mit Außenstelle in Senftenberg. Sie war bis Ende 2011 ehrenamtliches Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Volkssolidarität Südbrandenburg und liefert sich mit dem Verein seitdem eine handfeste Auseinandersetzung.

Es geht um gegenseitiges Misstrauen, viele Vorwürfe, Unterlassungsforderungen und die Frage, ob inzwischen ein neuer Vorstand rechtskräftig gewählt ist oder nicht.

Sehr persönliche Vorwürfe

"Aufgrund unseres gesammelten Insiderwissens" werfen Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins in ihrem Rundschreiben Seidel vor, Urheberin und verantwortlich für die Auseinandersetzung zu sein. Es werden sehr persönliche Vorwürfe gegen die Juristin erhoben und auch auf ihre Arbeit als Richterin Bezug genommen.

Sie hätten sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, sagt Stefan Kupka über die Motive der Unterzeichner: "Wir haben Angst um unsere Jobs." Der Streit von Lore Seidel mit dem Verein habe den Ruf der Volkssolidarität schon schwer beschädigt. Das könne so nicht weitergehen. Dass Seidel auch als Richterin in der Öffentlichkeit stehe, mache es noch schlimmer: "In bestimmten Positionen kann man in der öffentlichen Wahrnehmung Ehrenamt und Job nicht mehr sauber trennen", sagt Kupka.

Doch der Brief der Volkssolidarität-Mitarbeiter hat nur neuen Zündstoff in den sich immer mehr verhärtenden Konflikt getragen. "Das ist Rufmord, das kann ich nicht auf mir sitzen lassen", kontert Lore Seidel. Sie hat gegen die Unterzeichner Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Cottbus eingereicht. Die prüft noch, ob ein Verfahren eingeleitet wird.

Zwei Millionen Euro Umsatz

Die Volkssolidarität Südbrandenburg ist ein Verein mit rund 2000 Mitgliedern und beschäftigt etwa 100 Lausitzer, die meisten als Vollzeitkräfte. Eine angestellte Geschäftsführerin lenkt zwei Sozialstationen, ein Sozialkaufhaus, zwei Begegnungsstätten. Jahresumsatz mehr als zwei Millionen Euro. Eine von der Volkssolidarität gegründete gemeinnützige GmbH errichtet gerade ein Altenpflegeheim in Schwarzheide.

An der Spitze des Vereins steht ein ehrenamtlicher Vorstand, dessen Mitglieder für finanzielle Folgen von Fehlentscheidungen des Vereins auch haften. In diesem Vorstand war es im Dezember 2010 zu einer Auseinandersetzung zwischen Lore Seidel und den anderen Mitgliedern gekommen. Ein Streitpunkt war dabei das Gehalt der Geschäftsführerin. Der Vorstand trat zurück, Neuwahlen wurden so terminiert, dass sie in die Zeit einer von Seidel lange vorher geplanten Auslandsreise fielen.

Die versuchte vergeblich, die Wahl zu verhindern, dann klagte sie dagegen. In zweiter Instanz am Landgericht Cottbus deutete sich im Juni 2011 an, dass die Wahl nicht korrekt war. Eine außergerichtliche Einigung sollte gesucht werden. Doch auch diese Bemühungen scheiterten. "Zu so einer Einigung gehören zwei", sagt Lore Seidel. "Es gab Forderungen, die wir nicht erfüllen konnten und wollten", hält Volkssolidaritäts-Geschäftsführerin Heike Möller dagegen.

Zivilverfahren geht weiter

Stattdessen wurde im vorigen November erneut ein Vorstand gewählt. "Wir sind uns sicher, dass jetzt alles korrekt war", versichert Vorstandsvorsitzende Ilona Stiller. Lore Seidel hat das während der Vergleichsbemühungen ruhende Zivilverfahren wieder aufleben lassen und greift nun juristisch auch die Wahl vom November an. In der kommenden Woche treffen beide Seiten vor dem Landgericht Cottbus im nächsten Termin aufeinander.

Neben dem Ansehensverlust hat der Streit die Volkssolidarität Südbrandenburg allein im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Euro Anwaltshonorar gekostet. Der Ortsverein Brieske, der mit seinen rund 100 Mitgliedern hinter Seidel stand, hat sich inzwischen durch Austritte fast komplett aufgelöst.

"Ich möchte ohne Gesichtsverlust und materiellen Schaden da rauskommen", benennt Lore Seidel als Ziel ihres Kampfes. Sie räumt ein, dass sich die Auseinandersetzung sicher auch aufgeschaukelt habe, doch jetzt könne sie nicht mehr zurück.

Warten auf das Urteil

Auch die andere Seite denkt nicht an ein Zurückweichen. "Ich vertraue jetzt ganz allein dem Gericht, auf dessen Entscheidung warte ich", sagt Geschäftsführerin Möller und Vereinschefin Stiller fügt hinzu: "Irgendwann muss ja mal Ruhe sein."