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| 01:26 Uhr

Zielona Góras Winzer dürfen bald eigenen Rebsaft kredenzen

Winzer Roman Grad lobt sein Produkt: „Der Weißwein schmeckt angenehm mild.“
Winzer Roman Grad lobt sein Produkt: „Der Weißwein schmeckt angenehm mild.“ FOTO: n-ost
Die westpolnische Stadt Zielona Góra (Grünberg) feiert in diesen Tagen ihr Weinlesefest wie jedes Jahr ohne Wein, dafür mit mehr Bier. Noch immer ist der Weinverkauf rechtlich nicht erlaubt. Dabei ist die aus dem alten Grünberg fortgeführte Weintradition längst unentbehrlich geworden für die lokale Identität und das Stadtmarketing Zielona Góras. Von Nancy Waldmann

Es gibt einen Weinberg im Stadtzentrum, ein Weinmuseum und sogar eine wachsende Zahl von Winzern, die sich auf dem Festumzug vorstellen. Seit Jahren kämpfen sie für adäquate Normen für Kleinunternehmer im Weinsektor. Eine Gesetzesinitiative des polnischen Senats soll dem jetzt Rechnung tragen. Der Grünberger Wein war immer als besonders sauer bekannt. „Strumpflöcher sollte er zusammenziehen“ , sagten schon die alten Grünberger ironisch über das Getränk. Die örtliche Weintradition ist fast Tausend Jahre alt. Und sie ist eine von wenigen Traditionen ehemals deutscher Städte, die nach der Zäsur von 1945 nicht verschwanden - auch wenn der Weinbau im polnisch gewordenen Zielona Góra in der Nachkriegszeit mehr als Folklore denn als ernsthaftes Unternehmen betrieben wurde. Zwar existierte bald nach dem Krieg ein staatliches Weinkombinat, doch dort wurde der „Polish Wine“ hergestellt, ein belächelter, gesüßter Obstweincocktail - mehr Fusel als Wein.

Besondere Spezies Winzer
Eine solche Vorgeschichte hat eine ganz besondere Spezies zeitgenössischer polnischer Winzer hervorgebracht, die sich seit einigen Jahren wieder dem traditionellen Weinbau in der Region widmet: Wer etwas auf sich hält und einen halbwegs großen Garten in oder um Zielona Góras hat, pflanzt Reben an und probiert sich als Winzer aus. Roman Grad, Vorsitzender des städtischen Winzervereins, zeigt stolz sein kleines Weingut "Julia" hinter seinem Haus am Stadtrand.
Die dunklen, dicken Trauben schimmern satt in der Sonne. "2003 nahm mich ein Bekannter mit zu einem Treffen von Winzern. Dort wurde ich gleich mit dem Bazillus infiziert", erklärt er. Sogleich setzte er Reben, erntete vor zwei Jahren die ersten Trauben, der zweite Jahrgang ist schon reif. Der Weißwein steigt einem zwar schnell zu Kopf, schmeckt aber angenehm mild und keineswegs sauer. "Das kommt durch die Klimaerwärmung", sagt Roman Grad. "Vor 150 Jahren war das Klima hier etwas rauer. Schon minimale Temperaturunterschiede beeinflussen den Säuregehalt der Trauben."
Helmut Moelle relativiert die These: "Dass der Wein jetzt besser schmeckt, liegt auch an besseren Sorten und an besseren technischen Möglichkeiten im Vergleich zu früher." Der Mann vom Weinbau e.V. in Guben (Spree-Neiße) präsentiert auf Einladung der Winzer Zielona Góras Riesling aus eigener Produktion beim Weinfest an einem Stand in der überfüllten Fußgängerzone.

Enge Kontakte über die Grenze
Die deutschen Winzer aus Guben und die polnischen Kollegen aus Zielona Góra pflegen enge Kontakte, tauschen sich aus über Anbaumethoden und Winzergeheimnisse, bilden sich gegenseitig fort und besuchen sich zur Weinlese. "Guben und Grünberg gehörten bis 1945 gemeinsam zur Niederlausitzer Weinbauregion", fügt Moelle an. Die deutschen Winzer haben einen Vorteil, um die sie die Polen beneiden dürften: Sie dürfen ihren Wein verkaufen - ganz legal als "Brandenburger Landwein".
Lang und mühselig ist der Kampf der polnischen Winzer um Rechtsnormen im Weinsektor. Marek Jarosz vom Polnischen Wein-Institut Kraków (Krakau) sieht diesen noch immer vom kommunistischen Erbe belastet. Seit 1945 sei Polen von seinen ehemals traditionellen Weinbaugebieten im ukrainischen Osten abgeschnitten. In der Planwirtschaft des Ostblocks war Polen als Weinland nicht vorgesehen, sondern produzierte nur Wodka, so Jarosz.
"Deswegen fehlt uns bis heute ein ordentliches Weingesetz. Für traditionelle europäische Weinländer ist es ein Witz, mit welchen Problemen wir uns hier herumschlagen." Der Weinanbau ist für Jarosz mehr als ein viel versprechendes Geschäft: "Wein ist doch ein europäisches Getränk. Griechen und Römer tranken Wein - und nicht Wodka" betont Jarosz. Wodka sei der Trunk der alten Volksrepublik - im Schwarzhandel erworbenes Bestechungsmittel im Kommunismus. Diese Zeiten sind vorbei, der bekennende Europäer trinkt in Polen Wein.
Durch den EU-Beitritt erhielt Polen erstmals den Status eines Weinanbaugebietes. Andere Anbauregionen müssen allerdings keine Konkurrenz fürchten. Kaum ein polnischer Winzer besitzt eine Anbaufläche, die größer als ein Hektar ist. Je nach Ernte lassen sich daraus etwa 10 000 Flaschen Wein herstellen. Genug für den Hausverkauf. Industrielle Produktionsmengen strebt ohnehin kaum ein Winzer an. Auch in Polens Weinhauptstadt Zielona Góra machen sie sich nichts vor. Roman Grad: "Im Supermarkt wird Grünberger Wein nicht zu kaufen sein. Ich sehe den Wein als Kennzeichen regionaler Identität und als touristisches Produkt, das man hier vor Ort trinkt." Aber selbst der Hausverkauf ist bisher nicht erlaubt.

Unerfüllbare Standards
Die Anforderungen, technischen Standards und Kontrollmechanismen waren bisher an industrielle Produktionsbedingungen angepasst und für Kleinunternehmer unmöglich zu erfüllen. 2006 sollte das Gesetz novelliert werden, aber der damalige Premierminister Jaroslaw Kaczynski blockierte das Projekt.
Im August dieses Jahres wurde das Gesetz dann doch unerwartet schnell in Warschau verabschiedet. Es senkt unter anderem die Steuer auf Genussmittel für kleine Winzer und befreit sie von einigen bürokratischen Erschwernissen. Bis gestern konnten die Winzer jetzt ihren für 2009 erwarteten Weinertrag anmelden.
In Zielona Góra ist die Freude groß über diese glückliche Wende, ist sie doch dem Engagement des heimischen Senators Stanislaw Iwan zu verdanken. Viele haben ihre Produktion schon angemeldet und hoffen, mit dem Geschäft starten zu können. Marek Jarosz vom Krakauer Wein-Institut ist dennoch skeptisch: "Zwar gibt es jetzt das Gesetz, aber es fehlen die Vorschriften zur Ausführung. Wir sind von der Willkür der Beamten abhängig, und diese lieben es, selbst zu regieren." Dennoch überwiegt auch bei ihm der Optimismus: "Ich glaube im nächsten Jahr wird man polnischen Wein kaufen können." (n-ost)