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| 02:41 Uhr

Zeugen schildern ständige Geldnot des mutmaßlichen Raubmörders

Noch bis Ende April wird am Landgericht Cottbus der Senftenberger Raubmord an einer Rentnerin verhandelt.
Noch bis Ende April wird am Landgericht Cottbus der Senftenberger Raubmord an einer Rentnerin verhandelt. FOTO: dpa
Cottbus. Warum musste eine 70-jährige Senftenbergerin Anfang 2015 gewaltsam sterben? Vor dem Landgericht Cottbus lieferten Zeugen am Dienstag ein denkbares Motiv für den Raubmord: die ständige Geldnot des Angeklagten. Simone Wendler

Erika B. (Name geändert) kann sich nur mithilfe eines Gehstocks fortbewegen. Doch im Gegensatz zu ihren körperlichen Problemen macht die gepflegte alte Dame geistig trotz ihrer 90 Jahre noch einen sehr rüstigen Eindruck. Immer wieder entschuldigt sie sich auf dem Zeugenstuhl der Schwurgerichtskammer des Cottbuser Landgerichtes, dass sie im Kopf nicht mehr so schnell sei. Doch ihre Aussage ist erstaunlich klar und verständlich, und sie belastet den Angeklagten sehr deutlich.

Der 31-jährige Marcel V. muss sich wegen Raubmordes an einer 70-jährigen Senftenbergerin verantworten. In den Mittagsstunden des zweiten Januar 2015 soll er die Frau in ihrer Wohnung gefesselt und mit einem tiefen Kehlschnitt getötet haben, nachdem er sich ihrer Geldbörse bemächtigt hatte. Marcel V., der im selben Wohnblock nur einige Aufgänge neben dem Opfer wohnte, bestreitet das, schweigt aber im Prozess.

Bis in die Wohnstube gefolgt

Die 90-jährige Erika B. wohnt seit Jahren mit Marcel V. und dessen Frau im selben Aufgang. Anfangs seien die jungen Leute nett und hilfsbereit gewesen. Doch dann habe sich das verändert, schildert sie. Irgendwann habe Marcel V. angefangen, sich immer wieder bei ihr Geld zu borgen, 50 oder 100 Euro. "Ich habe das immer zurückbekommen, manchmal aber erst mit Nachdruck", sagt sie.

Ende November 2014 sei ihr Marcel V. dabei plötzlich mal bis in die Wohnstube gefolgt und habe geschaut, wo sie ihr Geld aufbewahrt. Sie erinnere sich so genau daran, weil Matschwetter war und er mit seinen Schuhen schlimme Flecke auf ihren hellen Teppichboden gemacht habe: "Ich habe meine Haushaltshilfe angerufen, damit sie das wegputzt." Ihr Geld habe sie danach an anderer Stelle aufbewahrt.

An diesem Tag habe sie Marcel V. 80 Euro geliehen, schildert die Seniorin. 30 Euro habe er ihr Ende Dezember zurückgezahlt: "Die restlichen 50 Euro wollte er Mitte Januar bringen." Dann habe der junge Mann aber am zweiten Januar 2015 nachmittags schon mit dem Geld vor ihrer Tür gestanden. "Das hat mich überrascht", sagt sie.

Beobachtung vor Sparkasse

Er sei ordentlicher als sonst gekleidet gewesen, frisch geduscht, aber mit deutlicher Alkoholfahne. Der zweite Januar war der Tag, an dem die 70-jährige Rentnerin in ihrer Nachbarschaft in den Mittagsstunden getötet und beraubt wurde.

Marcel V. habe dann im März noch mal versucht, sie anzupumpen. Als sie ablehnte, habe er noch zweimal angerufen und versucht, an ihre EC-Karte zu kommen. Ohne Erfolg.

Eine andere Nachbarin von Marcel V. berichtet als Zeugin ebenfalls, von ihm angepumpt worden zu sein. Und auch eine dritte Zeugin erzählt am Mittwoch vor dem Schwurgericht, dass der Angeklagte sie um Geld gebeten habe. Das sei am Neujahrstag 2015 gewesen, einen Tag vor dem Raubmord an der Rentnerin.

An diesem Tag hatte sie noch eine andere wichtige Beobachtung gemacht, die sie dem Gericht schildert. Am Vormittag habe sie den Angeklagten auf dem Senftenberger Marktplatz stehen sehen. Er habe in Richtung der Sparkasse geschaut. Die kurz danach getötete Rentnerin hatte an diesem Vormittag die Sparkasse aufgesucht. Das hatte die Polizei bekannt gegeben, als sie nach dem Verbrechen um Hinweise aus der Bevölkerung bat.

Sehr spannend wird der Prozess Anfang Februar. Dann werden zwei Sachverständige Gutachten zu DNA-Spuren des Angeklagten am Tatort vortragen. Wie der Vorsitzende Richter mitteilte, hat die Schwurgerichtskammer dazu bei einem der Experten noch eine zusätzliche Untersuchung in Auftrag gegeben.

Zweifel an DNA-Spur ausräumen

Er soll erläutern, ob eventuell ein männlicher Verwandter des Angeklagten, vielleicht ein Halbbruder, von dem er nichts weiß, auch diese Spuren verursacht haben könnte. Dem Gericht ist es offenbar wichtig, jeden Zweifel an diesem wichtigen Beweismittel auszuräumen.

Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird ein Gerichtsmediziner über die Verletzungen, Ursache und Zeitpunkt des Todes der Rentnerin Bericht erstatten. Ein Urteil ist nicht vor Ende April zu erwarten.