Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Filme sind: Am 15. Januar 2009 fallen kurz nach dem Start in New York die Triebwerke eines Airbus aus. Der Tower will die Maschine noch umleiten, doch Pilot Chesley Sullenberger erkennt sofort, dass eine Notwasserung die einzige Rettung ist. Mit kühlem Kopf setzt er seinen Airbus A320 auf der glitzernden Oberfläche des Hudson auf. Als ihm einer der Passagiere überschwänglich dankt, lächelt er nur und sagt: "Gern geschehen."

So soll er sein, der Pilot: Ein Held der Lüfte. Doch nun stellt sich die Frage, ob dieses Bild durch den Copiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine auf Dauer beschädigt ist. "Piloten sind historisch gesehen Heldenfiguren - und absolute Vertrauenspersonen", meint der Berliner Historiker Tilmann Siebeneichner, der die Kulturgeschichte des Weltraums erforscht. "Luftfahrt funktioniert so, dass man sein Leben in die Hände des Piloten gibt in dem Vertrauen, dass er einen sicher ans Ziel bringen wird und die Technik dafür absolut im Griff hat." Bezeichnungen wie "Flugkapitän" und "Erster Offizier" senden zusammen mit den dunkelblauen Uniformen die Botschaft aus: Das hier sind nicht irgendwelche Dienstleister, sondern Menschen mit besonderer Autorität und Verantwortung. Alles an ihrem Auftreten soll Sicherheit und Normalität ausstrahlen.

Die heutige Vielfliegerei mag dem Beruf viel von seiner Romantik genommen haben, aber noch immer schwärmen Piloten von dem magischen Augenblick, wenn sie bei Regenwetter die Wolkendecke durchbrechen und der Sonne entgegenfliegen. Gerade diese Lust am Fliegen könnte Piloten nach Einschätzung der Züricher Arbeitspsychologin Gudela Grote allerdings dafür anfällig machen, Krankheiten zu verschweigen: "Viele Piloten sind absolut verrückt nach Fliegen und tun alles dafür, damit sie weiter fliegen können." Sollte der Germanwings-Copilot an einer schwerwiegenden oder chronischen Erkrankung gelitten haben, so wäre dies im Fall des Bekanntwerdens "das sofortige Ende seiner Fluglaufbahn gewesen, die er sich ja wohl sehr erkämpft hat", meint Grote. "Wenn er offensichtlich ein so stolzer Flieger war, dann wäre das wahrscheinlich das Ende seines Lebenstraums gewesen."

Ist das Bild vom "Helden der Lüfte" nun zerstört? Der Arbeitspsychologe Dietrich Manzey fände es gar nicht so schlecht, wenn die öffentliche Wahrnehmung zumindest ein wenig geerdet würde. "Piloten sind hochleistungsfähig, aber keine Übermenschen. Sie haben auch Lebenskrisen. Sie haben manchmal Alkoholprobleme oder depressive Phasen. Dagegen sind die Piloten natürlich auch nicht gefeit." Das bedeute aber keineswegs, dass man nun keinem Piloten mehr trauen könne. Schließlich gehe es um einen ganz seltenen Einzelfall.

Ähnlich sieht es der Psychologe Mario Gollwitzer: "Ich glaube, dass man verstehen wird, dass es sich bei diesem einen Fall um einen - wenn auch sehr tragischen - Einzelfall handelt, der über die Profession des Piloten als solche nicht viel aussagt. Im Moment gibt es ja Hinweise darauf, dass der Copilot am Tag des Flugs eigentlich krankgeschrieben war. Man wird also alle möglichen Emotionen gegenüber dieser Person empfinden: Wut, Enttäuschung, Mitleid oder Ähnliches. Aber einen Vertrauensbruch mit der ganzen Profession, mit den Piloten an sich - den sehe ich nicht. Wie wollte man sonst auch je wieder in ein Flugzeug einsteigen?"

Flugkapitän Sullenberger hat nach dem "Wunder vom Hudson" immer betont, dass er ein ganz normaler Typ sei, der nur einen anständigen Job machen wolle. Mehr sei auch gar nicht nötig: "Man muss kein Held sein."

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Viele Passagiere steigen in diesen Tagen mit einem mulmigen Gefühl in ein Flugzeug. Auf Facebook hat sich eine Frau nun bei einem Germanwings-Piloten für seine einfühlsame Begrüßung bedankt und dafür große Aufmerksamkeit im Netz erfahren. Am Mittwochmorgen sei sie von Hamburg nach Köln geflogen. Vor dem Start sei der Pilot in die Kabine gekommen, habe jeden persönlich begrüßt und eine kleine Ansprache gehalten, so beschreibt sie es auf Facebook. "Darüber, wie ihn und die Crew das Unglück getroffen hat. Darüber, dass auch die Crew ein flaues Gefühl hat (. . .) dass auch er Familie hat (. . .) und dass er alles dafür tut, abends wieder bei ihnen zu sein." Der ganze Flieger habe daraufhin applaudiert.