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"Zementierte Rollenbilder aufbrechen"

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) stellte sich bereits gestern dem Nachwuchs. Sie beantwortete in ihrem Ressort die Fragen von Jungen und Mädchen einer Berliner Schule.
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) stellte sich bereits gestern dem Nachwuchs. Sie beantwortete in ihrem Ressort die Fragen von Jungen und Mädchen einer Berliner Schule. FOTO: dpa
Am heutigen Donnerstag findet wieder der "Girls Day" statt. Dabei öffnen zahlreiche Unternehmen ihre Türen, um Mädchen und Frauen stärker für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu motivieren. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sieht darin einen Beitrag, um die "zementierten Rollenbilder" der Geschlechter aufzubrechen. Die LAUSITZER RUNDSCHAU sprach mit der SPD-Politikerin.

Frau Schwesig, der Girls Day jährt sich nun bereits zum 15. Mal. Bedeutet das nicht auch, dass die Idee, Frauen stärker für "Männerberufe" zu begeistern, ins Leere läuft?

Nein, überhaupt nicht. Seit 2001 haben sich über 1,6 Millionen Mädchen daran beteiligt. Der "Girls Day" und auch der "Boys Day" zeigen, dass es einen Bedarf gibt, in vermeintlich typische Berufe des jeweils anderen Geschlechts hineinzuschnuppern. Er zeigt allerdings auch, dass es in vielen Bereichen noch die klassische Rollenverteilung gibt. Nur kann eben keiner erwarten, dass diese zementierten Rollenbilder lediglich durch einen speziellen Tag im Jahr aufgebrochen werden können.

Ist es wirklich so erstrebenswert, dass Frauen am Bau arbeiten oder bei der Müllabfuhr?
Ja, warum denn nicht? Ich habe kürzlich einen Autobauer besucht, bei dem auch viele Frauen Automechaniker lernen. Früher war vor allem Muskelkraft notwendig, heute wird dies durch unterstützende Technik ersetzt. Und technisches Bewusstsein haben Frauen allemal. Die eigentliche Hürde ist doch die berufliche Typisierung. 71 Prozent aller Mädchen wählen heute nur aus 20 von insgesamt 350 Ausbildungsberufen aus. Und die werden auch noch vergleichsweise gering vergütet.

Vor allem daraus resultieren die statistischen Lohnunterschiede zwischen Frau und Mann. Was kann da ein geplantes Entgeltgleichheitsgesetz bewirken?
Mit dem neuen Gesetz zur Lohngerechtigkeit werden wir die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen sichtbar machen. Wir werden auch prüfen müssen, wie Berufe im sozialen Bereich bei der Vergütung aufgewertet werden können. Hier hilft auch das geplante Gesetz zur Reform der Pflegeausbildung. Davon wird insbesondere die Altenpflege profitieren. Sie merken, es gibt neben dem Girls Day auch noch andere Mittel und Wege, um die Lohndifferenz abzubauen.

Ihr Koalitionspartner erweckt aber nicht gerade den Eindruck, bei diesem Vorhaben freudig mitzuziehen.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit der Union ein Gesetz zur Lohngerechtigkeit hinbekommen. Möglichen Widerständen sehe ich gelassen entgegen. Aber politisch wird das sicher kein Spaziergang werden. Lohnzuwächse gab es in den vergangenen Jahren vor allem im industriellen Bereich, aber kaum im sozialen Bereich. Umso mehr brauchen wir eine Debatte darüber, was uns die soziale Arbeit, die Arbeit mit Menschen wert ist.

Die CSU hat Ihrer Partei kürzlich vorgeworfen, zentrale CSU-Projekte wie das Betreuungsgeld zu bekämpfen. Ziehen Sie sich den Schuh an?
Meine kritische Haltung zum Betreuungsgeld ist bekannt. Das Betreuungsgeld beschäftigt derzeit die Verfassungsrichter in Karlsruhe. Dazu haben wir eine Stellungnahme innerhalb der Bundesregierung sorgfältig abgestimmt.

Haben Sie schon Pläne für eine anderweitige Verwendung der Betreuungsgeld-Mittel, falls es von Karlsruhe gekippt wird?
An dieser Debatte beteilige ich mich nicht. Zunächst einmal sollten wir in aller Gelassenheit das Urteil des Bundesverfassungsgerichts abwarten.

Mit Manuela Schwesig

sprach Stefan Vetter