Am Anfang stand der Abschied. Bevor sich die Tür zum Fraktionssaal der Grünen im Bundestag schloss, gaben die scheidenden Vorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin vor den wartenden Journalisten noch ein kurzes Statement ab. Künast sprach von einem "etwas komischen Tag", aber auch von einem "Befreiungsgefühl". Acht Jahre lang hatte sie die grüne Fraktion geführt, die letzten vier davon gemeinsam mit Trittin.

Der erklärte, nun müssten "andere den Karren ziehen". Beide zogen damit die Konsequenz aus dem enttäuschenden Wahlergebnis vom 22. September.

Zeitenwende bei den Grünen. Während Künast und Trittin noch ein bisschen flachsten, schwenkten einige Kameras schon auf die erklärten Nachfolger um, die sich gerade ihren Weg durch den Pulk bahnten. Auf Toni Hofreiter, den 43-jährigen Verkehrsexperten mit langem blonden Haar. Optisch verkörpert er noch die grünen Anfangsjahre. Und auch politisch steht er für den linken Parteiflügel. Der hatte Hofreiter längst als Nachfolger Trittins auserkoren.

Ohne direkten Gegenkandidaten war seine Wahl drinnen im Saal dann nur noch Formsache. Anders sah es bei der Co-Kandidatur aus, die dem Realo-Lager zufällt. Nach dem grünen "Links-Rechts-und-Frau-Mann-Schema" musste sie den weiblichen Teil der Doppelspitze bilden. Und da drängten sich gleich zwei Bewerberinnen ins Bild: Katrin-Göring-Eckardt, die einstige DDR-Bürgerrechtlerin aus kirchlichem Milieu, und Kerstin Andreae, studierte Volkswirtin aus Baden-Württemberg. Gern hätten sich die Realos mit nur einer Favoritin begnügt. Zumal im Hinblick auf die Linken, die mit Hofreiter Einigkeit demonstrierten. Doch alle Absprache-Versuche schlugen fehl.

Noch am Vorabend hatten die Realos der Fraktion mehr als drei Stunden lang zusammengehockt. Aber am Ende gab es kein förmliches Votum zugunsten der einen oder anderen Kandidatin. "Hätten wir das getan, wäre die Verliererin beschädigt gewesen", hieß es zur Erklärung. Und so gut sei die Personaldecke nun auch wieder nicht. Nach Angaben von Teilnehmern hatten sich Andreae und Göring-Eckardt in ihren internen Bewerbungsreden ohnehin kaum voneinander unterschieden. Bei Göring-Eckardt empfand das mancher auch als "wundersame Wandlung". Denn während Andreae schon immer für einen geradlinigen und betont wirtschaftsfreundlichen Kurs stand, hatte Göring-Eckardt im Wahlkampf die soziale Flanke der Partei nach dem Geschmack vieler Realos überbetont.

Anstatt zu ihrem linken Co-Spitzenkandidaten Trittin eine Art Kontrastprogramm zu bieten und "bürgerliche" Wähler anzuziehen, wie es sich grüne Strategen ausgemalt hatten, zeichnete auch sie ein Schreckensbild über die Ungerechtigkeit in Deutschland und feilte am Nimbus der "Verbotspartei" kräftig mit. Deshalb wird Göring-Eckardt bei den Realos auch eine gehörige Mitschuld für das schlechte Abschneiden der Partei angelastet.

Dass sie sich bei der Abstimmung in der Fraktion am Ende klar mit 41 zu 20 Stimmen gegen Andreae durchsetzen konnte, obwohl die Realos dort leicht in der Überzahl sind, hängt mit linker Schützenhilfe zusammen, aber auch landsmannschaftlichen Befindlichkeiten. Bei den Linken ist Göring-Eckardt gerade wegen ihrer sozialen "Wandlung" besser gelitten als Andreae. Und so mancher auch bei den Realos fürchtete eine baden-württembergische "Übermacht": Winfried Kretschmann ist schon Ministerpräsident im Südwesten und Cem Özdemir, der sich gern als anatolischer Schwabe bezeichnet, ist grüner Parteichef. Mit Andreae wären es drei Südwestler in führender Position gewesen. Am Ende traten Göring-Eckardt und Hofreiter vor die "grüne Wand", an der zweieinhalb Stunden zuvor noch Künast und Trittin gestanden hatten. Von einem "Aufbruch" war bei ihnen die Rede und von einem "überzeugenden Wahlergebnis", das eine "große Verantwortung" bedeute.

Schon am morgigen Donnerstag können sich Göring-Eckardt und Hofreiter darin erstmals beweisen. Sind sie doch Teil der grünen Delegation, die sich mit der Union zum Sondierungsgespräch über eine künftige Regierung trifft.